„Ostpreußen-Hilfswerk“

American Committee for Relief of German Needy Inc. New York

 Nazi-Gegner gründeten 1945 in den USA Hilfswerk

 

 

Philatelie ist so interessant wie das Leben selbst. Es ist eben nicht nur das Wegstecken von Briefmarken. Philatelie heißt, sich mit  postalischen Belegen zu befassen. Philatelisten, Post- und Zeitgeschichtler bringen mit ihren gesammelten Belegen Bewegung in das nur all zu schnelle Vergessen der Menschen und Organisationen. Wenn sich dann hinter der gesuchten Organisation ein edles Hilfswerk herausschält, ist es immer der Erwähnung wert.

 

Die Suche nach Anhaltspunkten über die im Titel genannte Organisation zur Beschreibung der abgebildeten Belege gestaltete sich recht schwierig. Nach vielen vergeblichen  Anschreiben an deutsche Organisationen, die eigentlich etwas über diese Hilfsorganisation hätten wissen müssen, kam dann Hilfe vom Amerika Haus in Berlin. Tagtäglich führte mich mein Weg in den 1960er Jahren an diesem Haus in der Hardenbergstraße in Berlin vorbei. Daß ich einmal von dort Hilfe bei meinen heutigen Recherchen bekäme, kam mir damals allerdings nicht in den Sinn.

 

Das Amerika Haus in Berlin

 

Die Geschichte des Amerika Hauses in Berlin begann im Winter 1945/46, als amerikanische Soldaten ihre Bücher und Zeitschriften in der damaligen provisorischen Paßstelle an der Kleiststraße 10-12 am Nollendorfplatz auslegten. Aus der Lesestelle wurde nach Schließung der Paßstelle eine kleine Bücherei, die am 26. Februar 1946 offiziell eröffnet wurde. Fotos, Bücher, Schallplatten, Konzerte - besonders die Jazzmusik begeisterte die Berliner aus Ost und West. Am 21. Mai 1947 erhielt die Bücherei offiziell den Rang eines "U.S. Information Center" und führte seitdem den Namen Amerika Haus. Am 3. Juni 1949 zog das Amerika Haus in ein wiederaufgebautes Gebäude am Nollendorfplatz (Einemstraße 1). Acht Jahre später, am 5. Juni 1957, wurde das jetzige Haus unweit das Bahnhofs Zoo eröffnet.

 

Fast jeder kennt es, doch nur wenige nutzen es noch: Das Amerika Haus an der Hardenbergstraße 22-24 wird voraussichtlich Ende 2007 geschlossen. Dann soll der Bau der amerikanischen Botschaft am Pariser Platz fertig sein, und die Amerikaner werden das Amerika Haus dem Land Berlin zurückgeben. Das Baudenkmal befindet sich im Eigentum des Liegenschaftsfonds, das das Areal dann vermarkten will. Ein genaues Datum für die Rückgabe stehe jedoch noch nicht fest, so eine Sprecherin der Botschaft. Programme und Aktivitäten würden nicht beeinträchtigt, sondern im neuen Botschaftsgebäude fortgeführt.

 

 

 

Wer waren die Initiatoren des sogenannten Ostpreußen-Hilfswerkes?

 

Es waren Gegner des Nazi-Regimes, die in die USA emigrierten oder schon ansässig waren und dort 1945 eine Hilfsorganisation, das „American Committee for Relief of German Needy Inc.“ (Amerikanischer Verein zur  Unterstützung notleidender Deutscher, eingetragener Verein), gründeten. Prominentestes Mitglied aus deutscher Sicht war der Schriftsteller Thomas Mann. Warum bei einigen Briefen ein "Ostpreußen-Hilfswerk" oder "Goethe Hilfswerk" zugesetzt wurde, liegt noch im Unklaren.

 

 

  Brief frankiert mit 50 Pf Freimarke  der I. Kontrollratsausgabe. Der Brief

wurde am 4. Dezember 1947 in Datteln aufgegeben. Vorderseitig ist ein kleiner

Einringnummernstempel (10) für den Bestellgang (Zensurstelle) in New York abgeschlagen.

Per Schiff nach Amerika , da Luftpost ins Ausland erst ab1. Mai 1948 für Geschäftsbriefe möglich war.

 

                                              

Die Anschrift der amerikanischen Hilfsorganisation wurde von Deutschland aus sehr unterschiedlich geschrieben (siehe Abb.), z. B. Goethe Relief, Hilfswerk Ostpreußen oder Fellow Relief, was die Suche noch erschwerte.  Alle Briefe gingen aber letztlich in die 220 East Twenty-Street, New York. Die Briefschreiber waren, berücksichtigt man den Zeitpunkt des Schreibens, sicherlich Hilfesuchende. Ob  den vorliegenden Adressaten Hilfe zukam, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.

  

 

 

 

 

 

 

 

 

Auszugsweise Übersetzungen der Artikel der New York Times

 

 

 

4. Januar 1946

 

Mit solchen hervorragenden Anti-Nazis wie Thomas Mann und Dr. Walter Johannes Damrosch, Dirigent (* 30. Jan. 1862 in Breslau,  † 22. Dez. 1950 in New York), die zusammen mit ihren Sponsoren vom  „American Committee for Relief of German Needy Inc.“, gestern ankündigten, daß es der einzige Zweck ist, Hilfe und Unterstützung  leidenden Menschen zu geben in Übereinstimmung mit den Regeln  und Vorschriften die vom President’s War Relief Control Board ausgegeben waren (Executive Order 9205 Establishing the President's War Relief Control Board. July 25th, 1942/Kriegsgesetzgebung).

 

In einem Bericht, ausgegeben von Hans A. Specht/Vorsitzender, aus dem  vorübergehend eingerichteten Büro in der 220 East Twenty-Street, New York, sprach dieser die Bitte aus, Lebensmittel nach Deutschland zu senden. „Wir wollen zu verstehen geben, daß diese Hilfe nur solchen Menschen zugute kommt, die nicht unamerikanisch sind und weder vorher noch heute Verbindung zu diesen Leuten (Nazis) hatten“. Des weiteren wird in dem Artikel erklärt, daß der Ausschuß eng mit den Regierungs-Agenturen zusammenarbeitet und daß die Mitglieder des Verein allen Bevölkerungsschichten und Religionen angehören. Den  Posten des Schatzmeisters hatte Alfred F. Kierschner inne, den des Geschäftsführers William L. vom Rumpf. Es folgen die Namen der Sponsoren, u.a. Dr. Felix Boenheim (1890-1960), Endokrinologe, Politiker, Medizinhistoriker und Eugene Isaac Meyer (1875-1959), ein amerikanischer Zeitungsherausgeber und Finanzier.

 

 

 

 

Zu diesem Kreis gehörte auch der deutsche Sozialpfarrer jüdischer Abstammung Friedrich Forell aus Breslau. Als er 1933 seine Heimat verlassen mußte, kam er nach Wien und übernahm dort bis 1938 die Leitung der Schwedischen Israelmission. Nach dem "Anschluß" mußte er fliehen und gelangte über Prag und Schweden nach Paris. Dort, und später in New York (unter dem Namen Reverend Frederick J. Forell, D.D.) ist er in der Flüchtlingshilfe und in der Arbeit unter Juden tätig gewesen.
   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

Helft deutschen Kindern

New York Times vom 17. Januar 1946 

 

 

Das war die Überschrift des Artikels der New York Times vom 17. Januar 1946. Die neue Organisation bekam die Erlaubnis zur Bildung eines Dringlichkeits-Fonds unter der Zustimmung des „Unitarian Service Committee“ nach den Regeln des President’s War Relief Board. Die "USC", heute Unitarian Universalist Service Committee (UUSC) ist eine liberal religiöse Organisation zur Förderung der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit, die Mitte des 20. Jahrhunderts gegründet wurde.

 

Das Symbol des UUSC, ein Flammenkelch, wurde von dem Künstler Hans Deutsch, einem Flüchtling aus Österreich, gestaltet. Gesammelt werden sollten medizinische Ausstattungen, Nahrungs-mittel und andere Notwendigkeiten für die gepeinigten und notleidenden deutschen Kinder.

 

Das Unitarian Service Committee  will die Verteilung der vom neuen Verein gesammelten Hilfsgüter unterstützen. Hans A. Specht/Vorsitzender, betont noch einmal, daß es sich um eine unpolitische und die Bevölkerung repräsentierende Vereinigung handelt.

 

 

 

 

 

 Brief  frankiert mit  50 Pf Freimarke  der I. Kontrollratsausgabe; als  Schiffspost von

Marl-Drewer/Westfalen 1946 nach Amerika befördert. Der postalische Auslandsverkehr

wurde in den Zonen am 1. April 1946 wieder aufgenommen.

Auf der Rückseite Nummernstempel (Pfeil) der Zensurstelle in den USA.

 

 

 

 

 

 

 

New York Times

vom 13. Januar 1947

 

 

 

Der Vorsitzende Hans A. Specht  berichtete in der New York Times, daß im abgelaufenen Jahr 1946 vom Ausschuß 13.000 Pakete im Wert von 50.000 $, sowie  Kleidung, Schuhe und andere Warengüter im Wert von 100.000 $ per Schiff nach Deutschland verbracht wurden.

 

 

Auf dem zweiten Jahrestreffen des „American Committee for the Relief of German Needy, Inc. beschloß der Vorstand den Versuch, weitere 500.000 $ für benötigte Hilfe einzusammeln. U.a. plante man  mobile Medizin- und Zahnarzt Einheiten und Rehabilitations-Krankenhäuser  für Deutschland.

 

 

Die Hilfe wurde über das Unitarian Service Committee, welches wohl als Dachverband der damals über 400 deutsch-amerikanischen Organisationen verstanden  werden kann, abgewickelt. Heute nennt es sich Unitarian Universialist Service Committee.

 

 

 

 

 

 

     Brief frankiert mit 50 Pf Freimarke  der I. Kontrollratsausgabe. Der Brief wurde am

4. Dezember 1947 in  Westerholt aufgegeben. Auch hier ist vorderseitig ein kleiner

Einringnummernstempel (10) für den Bestellgang (Zensurstelle) in New York abgeschlagen.

Per Schiff nach Amerika , da Luftpost ins Ausland erst ab 1. Mai 1948 für Geschäftsbriefe möglich war.

 

 

New York Times

vom 28. Februar 1947

 

                                                      

Eine landesweiter Spendenaufruf für eine Sammlung von 160.000$

für mobile Medizineinrichtungen und zahnärztliche

Versorgungseinrichtungen in Deutschland.

 

 

New York Times

vom 17. Mai 1947

 

 

Der so oft genannte Mr. Hans Specht schied im Mai 1947 aus dem

Committee/Ausschuß aus, um sich seinem privaten Geschäften zu widmen

(New York Times vom 17. Mai 1947). Der Zeitungsartikel berichtet

über seine ehrenvolle Verabschiedung.

 

Briefe an das Committee wurden aus allen Landesteilen Deutschlands nach New York versandt. Auszugsweise werden drei Briefe aus dem Kreis Recklinghausen vorgestellt. 

 

Wenige Menschen erinnern sich heute dieser Organisation und der damit verbundenen Hilfe - viele haben aber davon gezehrt und vielleicht dadurch überlebt. Betrachten möchte ich diese Ausführungen als den Ausdruck dankbarer Erinnerung an ein freundlich gesinntes Amerika.

 

 

  

Quellennachweis:

 

Geschichtliche Angaben und Zeitungskopien:

Amerika Haus Berlin/Frau Claudia Klein

Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika/Bonn

Eigenbelege Slg.  „Post- und  Zeitgeschichte“

Berliner Morgenpost zu Amerika Haus vom 1.3.2006

 

©1999 Erstausgabe/Neufassung 2006