H O R S T    E G O N     B E R K O W I T Z

 

1 8 9 8   -  1 9 8 3

 

Jurist - Philatelist

 

 

Am 16. Januar 1898 kam Horst Berkowitz in Königsberg, der alten Pregelstadt, zur Welt. Er wurde in die Familie eines gutsituierten jüdischen Kaufmanns geboren. Mit dem vierjährigen Horst Egon und vier Geschwistern siedelte die Familie 1902 nach Hannover über. Früh begann er mit dem Sammeln von Briefmarken. Für ein Fahrrad tauschte er mit seinem Bruder seine erste Briefmarkensammlung. Als der ältere Bruder in Freiburg studierte, wich sein Interesse an Briefmarken und Münzen. Jedenfalls gab der Bruder ihm die eingetauschte Sammlung zurück, die ihm doch sehr am Herzen lag. Horst Berkowitz besuchte in Hannover die Leibnizschule. Nach Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und mußte das Notabitur machen. Nach der Champagne-Schlacht wurde ihm vom Divisionskommandeur das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen. Die angenehmen Tage des Feldzuges waren für ihn rasch vorbei. Eine explodierende Granate traf ihn in einem Unterstand so schwer, daß er blutend zusammenbrach und sein rechtes Auge verlor.

 

Schon Mitte Juni 1916 konnte er sein Studium in Göttingen beginnen. Nach drei Semestern ließ er sich vom bekannten Handelsrechtler Professor Lehmann für die Doktorarbeit das Thema „Lebensversicherungsrecht“ geben. Nach dem Tode des Professors Lehmann übernahm der Zivilrechtler Professor Oertmann die Arbeit ohne jede Beanstandung. 1919 stellte er sich dem Doktorexamen mit „magna cum laude“. Es folgten Referendarzeiten bei verschiedenen Gerichten, die alle von regen Diensteifer, hervorragender Pünktlichkeit, rascher Entschlußfähigkeit und weiteren preußischen Prädikaten geprägt waren. Berkowitz wurde dort eingesetzt, wo andere versagten. Er entrümpelte in kürzester Zeit verkommene Sachgebiete und brachte alles auf  Vordermann.

 

1922, mit 24 Jahren, ließ er sich als Anwalt nieder. Das und nichts anderes wollte er auch. Im Jahre der Inflation begann eine zehnjährige Tätigkeit in der Kanzlei der Rechtsanwälte Pape und Dr. Langkopf in Hannover. Sie endete jäh, als sein "arischer" Sozius Langkopf dem "Juden" Berkowitz 1933 den Stuhl vor die Tür stellte. Langkopf war politisch aktiv, ein strammer Deutschnationaler. Berkowitz wechselte zu einer jüdischen Bank und eröffnete eine  Praxis  ausschließlich  für  jüdische  Klienten. In   der Pogromnacht   vom  9. November 1938 wurde er verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. Nach seiner Rückkehr drückten ihm Bekannte und Nachbarn ihr Mitgefühl über sein Schicksal aus. Für ihn ein wichtiger Beweis, daß nicht das ganze deutsche Volk von der verbrecherischen Gesinnung des Regimes angesteckt war.

 

Nach Buchenwald kam er nur noch als sogenannter Judenkonsulent in Frage. In einer alten Synagoge hatte er sein Büro und bekam fortan den Zwangsnamen Horst Israel Berkowitz. Bis zu 90 Prozent der Gebühren mußte an die Reichsanwaltskammer als Judenkonsulentenabgabe abgeführt werden. Auch während dieser schrecklichen Zeit führte er bemerkenswerte Prozesse bis hin zum Reichsgericht in Leipzig, die sein Ansehen stärkten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Dr. Horst Berkowitz bis ins hohe Alter hinein wieder als Anwalt tätig.

 

Neben seiner Anwaltstätigkeit waren Briefmarken sein Lebensinhalt. Trotz seiner „Zurückgezogenheit“, er verreiste nur symbolisch über seine Marken,  brachte es Berkowitz zu einem angesehenen Philatelisten. Sammler sind heute stolz, ein Stück „ex Berkowitz“ zu besitzen. Schon Ende der zwanziger Jahre war eine schöne Sammlung Baltikum, Kaukasus, Rußland, Südamerika, britische und ehemalige deutsche  Kolonien und die Europasammlung beisammen. Gewisse Länder boykottierte er, die Neuausgaben offensichtlich nur zu Gewinnzwecken verausgabten.

 

 

Berkowitz baute auch Brief- und Poststempel-Sammlungen auf.

Die seltensten Preußen-Nummernstempel fand man bei ihm.

So auch den Stempel Nummer 8 des Postamtes Ahsen im

Kreis Recklinghausen auf dem einzig bekannten Brief (Abb. Ausschnitt).

 

 

Natürlich waren auch die Jahre der Verfolgung eine Gefahr für die Sammlungen. Die Brief- und Stempelsammlung übergab er einem ihm persönlich bekannten Herrn zur Aufbewahrung, den er mit gutem Grund für redlich hielt. Nach der Rückkehr aus dem KZ mußte er feststellen, daß der Bekannte angab, die Sammlung sei ihm vom Boden gestohlen worden. Bald aber kam zu Tage, daß er die Sammlung selbst verkauft hatte. Seine Briefmarkensammlung wähnte er bei einem Notar gut aufgehoben. Über den Notar wurde aber zwischenzeitlich bekannt, daß ein Strafverfahren anhängig war und er aus der Anwaltskammer gestrichen wurde. Die Briefmarkensammlung aber hatte er wohlverwahrt und gab sie Berkowitz vollständig zurück. So kam es zu dem paradoxen Ergebnis, daß ein korrupter und krimineller Anwalt sich in einer Verwahrsache als zuverlässig, der gute Bekannte hingegen als krimineller Betrüger erwies.

 

Seine Sammlungen strotzten nur so von Raritäten. Die Sammlung Berkowitz erreichte fast 700 dicke Bände. Jede freie Minute verbrachte er mit der Pflege und Aufstockung der Sammlungen. Die Briefmarkensammlung Berkowitz wurde nach seinem Tode zugunsten des Staates Israel in Hannover versteigert. Seine Münzsammlung hatte er bereits  zu Lebzeiten der Stadt Hannover übereignet.

 

Dr. Horst Berkowitz wurde eine Reihe von Ehrungen zuteil, mit denen Leben und Werk dieses ungewöhnlichen Mannes gewürdigt wurden. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz erster Klasse 1960 und  1976 ehrte in die Stadt Hannover mit der Stadtplakette für Verdienste um die Landeshauptstadt. Dr. Horst Berkowitz starb 1983.