Zur Entstehung des deutschen Notgeldes

 

 

Die Notgeldausgaben  erinnern  an ein dunkles Kapitel unserer Geschichte: den 1. Weltkrieg und die Inflation zu Beginn der 20er Jahre dieses Jahrhunderts.

 

Es lassen sich mehrere Notgeldperioden unterscheiden. Ende Juli 1914  z.B. setzte der erste große Ansturm auf die Geldinstitute ein, da die Reichsbank die Einlösung der Reichsbanknoten gegen Gold einstellte.  Bis August 1914 waren mehrere  Milliarden  Mark in Gold- und Silbermünzen  ausgezahlt worden. Die hohen Werte wurden sogleich als Silberschatz gehortet. Letztlich wurde alle Edelmetallmünzen gehortet. In kurzer Zeit herrschte Kleingeldmangel. Das Volk hatte kein Vertrauen in das Reichspapiergeld und rückte trotz aller Appelle des Staates das Hartgeld nicht heraus. Dieser Kleingeldmangel wurde zu einem öffentlichen Notstand. Örtliche Stellen, städtische Behörden, Spar- und Darlehenskassen, Industrie und Wirtschaft griffen da zur Selbsthilfe.

 

Die Reichsschuldenverwaltung genehmigte die Verausgabung von Darlehenskassenscheinen kleiner und mittlerer Werte. In unserer Gegend gab es  überwiegend Bezeichnungen wie „Notgeld“  oder „Gutschein“. Andere Orte plazierten aber auch andere Namen.   Es handelte sich bei all diesen Ausgaben aber nicht um gesetzliche Zahlungsmittel. Der Zweck dieser Aktion richtete sich in aller Regel an einen bestimmten Personenkreis, wie Arbeiter und Angestellte von Firmen. Diese konnten mit dem Notgeld oder den Gutscheinen dann in firmeneigenen Geschäften einkaufen. An mehr als 400 Orten des deutschen Reiches  wurden so kurzfristig  Kleingeldscheine ausgegeben.

 

Eine andere Phase von Notgeldausgaben sei folgend aufgeführt. Ab 1916 begann ein Teil der Bevölkerung mit dem Sammeln des Notgeldes. Durch Spekulationen geriet dann dieses Sammeln außer Kontrolle.  Die Zunahme der Ausgaben ließ die Sammelleidenschaft noch weiter ansteigen. Die Städte begannen untereinander zu wetteifern und gaben technische einwandfreie Scheine heraus. Die Ausgaben überschlugen  sich förmlich. Es wurden Werte herausgegeben, die gar nicht nötig waren. Es war letztlich alles auf den Sammler abgestellt. Ein Mangel wurde mit diesen Ausgaben nicht mehr beseitigt. Es ging ausschließlich um reines Profitstreben, vielleicht noch um Ortswerbung. Es war für viele öffentliche und private Stellen ein bequemes und billiges Finanzierungsmittel.

 

Die Gemeinden schreckten nicht davor zurück, den    Bestellern   ihres   Notgeldes   Verwaltungsgebühren  für   den   Versand  abzunehmen. Großabnehmer bekamen sogar Rabatte eingeräumt. Die Einlösungszeiten waren zum Teil so kurz befristet, daß  dieser Vorgang oft nicht mehr zu realisieren war. Es wurde doppelt und dreifach numeriert; kleine Zahlen, große Zahlen und diese wieder in unterschiedlichen Farben, wie es gerade der Augenblick erforderte. Diesem Spuk machte das endgültige Verbot des Notgeldes im Juli 1922 ein Ende. Die aus der Not geborenen ersten Notgeldscheine standen im Ansehen der Sammler immer hoch im Kurs und besitzen einen respektablen Wert. Aber die nachfolgenden Spekulationsausgaben fristen noch heute ein Schattendasein und  repräsentieren meist keinen materiellen oder Sammlerwert.

 

 

 

 

Kapselgeld

 

Tietz AG - Coblenz

 

 

 

 

Briefmarkenkapselgeld wurde überwiegend als Kleingeldersatz im Ersten Weltkrieg und bei Beginn der Inflation eingesetzt.

Es hatte den Wert der Briefmarke, die sich unter einer durchsichtigen Folie befand.

 

 

 

 

 

Wertbeständiges Notgeld - Sachwertgutscheine

 

Am 15. November 1923 trat eine neue Währungsordnung in Kraft, welche die Inflation schlagartig beendete.

Weil aber nicht genügend neue Rentenmarkscheine zur Verfügung standen, liefen einige Notgeld- und Inflationsscheine,

zumeist wertbeständiges Notgeld, noch bis Mitte 1924 um. Es handelte sich ausschließlich um Sachwertgutscheine.

Diese Sachwertgutscheine wurden ohne gesetzliche Grundlage herausgegeben.

Erst Ende 1924 wurden die letzten wertbeständigen Notgeldscheine ungültig.

 

 

 

Wertbeständiges Notgeld der Firma Leonhard Tietz

Zweigstelle Aachen - Ausgabe 10. Januar 1924

 

 

 

 

 

 

 

Drei hohe Werte Notgeld

Tietz Aachen

 

 

 

 

 

Eine  andere Seite  monetärer  Notmaßnahmen stellt das eigentliche Inflationsgeld von 1922  dar. Nach Kriegsende mußte die Reichsbank alle aus dem Ausland präsentierten Noten gegen Gold umtauschen. Dadurch wurde die Währung enorm geschwächt. Der nicht wiedergutzumachende Fehler lag darin, daß die Geldscheine in Neuauflagen während und nach dem Krieg in der gleichen Art wie die der Friedensausgaben von 1908 gestaltet waren.

 

Die hohen Reparationsleistungen und der passive Widerstand der Bevölkerung erzwangen immer höhere Geldausgaben von der Reichsbank. Im Januar 1922 beginnt die sich mehr und  mehr überschlagende Ausgabe von Geldscheinen mit immer höheren Wertstufen. Zehntausend Mark war am 19. Januar 1922 der höchste Wert, der sich bis zum 26. Oktober 1923 auf 100 Billionen Mark steigerte. Auch aus dieser Zeit sind reichlich Geldscheine übrig geblieben. So wenig wert sie zur aktuellen Zeit waren, so wenig wertvoll sind die meisten Inflationsscheine auch heute noch. Unter den hohen Werten verbirgt sich da und dort allerdings doch ein materiell ansprechendes Stück.

 

Erst die Errichtung der Rentenbank zum 15. Oktober 1923,  getragen von Handel, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft, konnte dieses Chaos beenden. Die Institution erhielt das Recht, Rentenbankscheine auszugeben. Damit konnte dann die Inflation gestoppt werden.

 

Von verschiedenen Firmen wurden auch nach dieser Zeit  weiterhin Warengutscheine verausgabt, wie es die Leonhard Tietz AG zum Beispiel in Aachen tat. Dieses „Notgeld“ konnte aber nur gegen Waren eingetauscht werden und hatte wohl mehr die Bindung an bestimmte Unternehmen zum Ziel, ähnlich dem heute grassierenden Clubkarten-Rabattsystem.

 

                                              

Quellennachweis:

„Notgeld/Münzen u.a.“ von Dr. Keller, Funck, Meyer, Neimann, Pick u.a.

Belege Slg. M „Recklinghausen -Heimatgeschichte postalisch“