O S K A R     T I E T Z

 

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Firmenbrief des Stammhauses in Gera

 

  

Portogerechte Inflations - Frankatur 50 M für Briefe bis 20g im inländischen Fernverkehr

mit zweimal 10 M und einmal 30 M der Freimarkenserie Posthorn 1922/1923 ohne Unterdruck,

entwertet mit einem Einkreisstegstempel mit Bogen oben und unten  des Aufgabepostamtes Gera

vom 23.1.1923  2-3 N (2 - 3 Uhr nachmittags).

 


Oscar Tietz wurde als Sohn des Fuhrmanns Jakob Tietz und seiner Frau Johanna in Birnbaum/Warthe, heute Międzychód,  in der preußischen Provinz Posen geboren. Sein Bruder Leonhard (1849–1914) war der Begründer des späteren Kaufhof-Konzerns. Nach einer kaufmännischen Lehre und ersten Anstellungen eröffnete Oscar Tietz am 1. März 1882 in Gera das Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weiß- und Wollwarengeschäft Hermann Tietz, das bereits wesentliche Merkmale moderner Warenhäuser aufwies: festgelegte Preise, keine Stundung oder Anschreiben und ein vielfältiges, branchenübergreifendes Angebot.  Infolge von Großeinkauf, den Tietz zusammen mit seinen Verwandten tätigte, konnte preiswert verkauft werden.

 

Hermann Tietz hatte in Amerika neue Geschäftsmethoden kennengelernt, die er seinem Neffen weitergab. Die importierten Ideen ließen Oscar Tietz mit größter Beharrlichkeit den Plan verfolgen, auch in Deutschland durch niedrige Preise, durch große Auswahl und durch billigen Verkauf (auf Grund entsprechend günstigen  Einkaufs, möglichst unmittelbar beim Fabrikanten unter bewußter Umgehung des Großhandels) eine preissenkende Wirkung für den Verbraucher zu erzielen.

 

Nach Gera folgten Geschäfte 1889 in München, 1895 in der Münchner Schützenstraße und gegenüber dem Hauptbahnhof, Karlsruhe, Stuttgart und Hamburg  und schließlich 1900 auch in  Berlin. Nacheinander  wurden dann die drei imposanten Warenhäuser  in der Leipziger Straße (1900), am Alexander Platz und in der Frankfurter Allee errichtet. Bis um die Jahrhundertwende gelingen bereits 15 Filialeröffnungen.  Im Jahre 1926 schließlich wurde der Warenhaus-Konzern der Gebrüder Jandorf (a.a.O.)  mit dem Flaggschiff „KaDeWe“ übernommen. Damit wird die Hermann Tietz OHG im Dezember 1926 zum größten Warenhaus-Konzern in Europa auf fast 90 000 qm Verkaufsfläche mit knapp 18000 Beschäftigten. Die Hermann Tietz OHG hatte ihre Kaufhausketten mehr im Osten und Süden  des Reiches, während die Leonhard Tietz AG sich mehr im Westen engagierte.

 

 

 

 3x 2M Frankatur der Serie Deutsche Gewerbeschau München vom 2. April 1922 mit Münchner Stadtwappen.

Portogerechte 6M Frankatur für Briefe bis 20g im inländischen Fernverkehr, Tarif vom 1. Oktober 1922.

Der Brief  wurde am  3. November 1922  in München aufgegeben.

 

 

Berlin Jubiläums Frankotyp-Absenderfreistempel aus 1933.

 

 

Oscar Tietz gründete 1903 den Verband Deutscher Waren- und Kaufhäuser (VDWK) und initiierte 1919 die Gründung der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels HDE (heute: Hauptverband des Deutschen Einzelhandels). 1909 trat er der "Gesellschaft der Freunde" (jüdischer Hilfsverein) bei. Zudem setzte er sich kontinuierlich für jüdische Belange ein, so als Vorstandsmitglied des Hilfsvereins der deutschen Juden, als Mitglied der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und bei der Aufnahme jüdischer Flüchtlinge nach den Pogromen im Russischen Reich 1903/05.

 

 

 

Frankotyp Absenderfreistempel 1932

 

 

 

Als Oscar Tietz am 17. Januar 1923 in Klosters/Schweiz  starb, umfaßte der Konzern vierzig Tochtergesellschaften. Es bestand eine Einkaufsorganisation in Berlin mit Zweigniederlassungen  und eine Einkaufsinteressengemeinschaft mit den Provinzgeschäften der Firma Conitzer. Weiter waren dem Konzern auch Fabriken zur Herstellung von Wäsche und Herren- und Damenbekleidung angegliedert.

 

Auch dieses jüdische Unternehmen, wenn wir es einmal so nennen möchten, ereilt das Schicksal 1933 mit der Machtergreifung der Nazis. Der Geschäftsführer des Jandorf-Kaufhauses in der Wilmersdorfer Straße in Berlin, Georg Karg, wird von den Banken 1933 an die Spitze der Hermann-Tietz-Kaufhauskette gestellt. Die Geschäftsführung, allesamt Mitglieder der Familie Tietz, wurden aus der Geschäftsführung des Unternehmens gedrängt. Geschäftsführer der Hertie GmbH war Georg Karg. Die drei jüdischen Teilhaber (davon zwei Söhne von Oscar Tietz) wurden gezwungen, ihre Anteile weit unter Wert zu verkaufen. Noch vor Beginn des 2. Weltkrieges war somit Karg Alleinbesitzer des Hertie–Warenhausunternehmens. In einem privaten Rückerstattungsvergleich muß Karg 1949 den Tietz-Erben das Eigentum an den Häusern im München, Stuttgart und Karlsruhe zurückübertragen und außerdem eine Umsatzmiete für die drei genannten Häuser bis zum Jahre 1970 zahlen. Später bringt Georg Karg (1888-1972) den Hertie-Konzern in eine Stiftung ein.

 

Näheres u.a. zum Ablauf der Hertie Geschichte  siehe:   http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13470441.html

 

Die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH war bis zur Übernahme durch Karstadt 1994 einer der führenden Warenhauskonzerne in Deutschland. Die Konzernzentrale befand sich zuletzt in Frankfurt am Main. Die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH betrieb rund 115 Warenhäuser unter den Namen Hertie, Wertheim. Alsterhaus und KaDeWe sowie rund 35 Bilka-(Billig) Warenhäuser. Daneben gehörten zu Hertie die Restaurant-Kette LeBuffet, die Elektronik-Fachmärkte Schaulandt, Schürmann und WOM (World of Music) sowie die Bekleidungs-Märkte Wehmeyer.

 

 

Absenderfreistempel der Frankfurter Zentrale

 

 

1999 fusionierte die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH mit dem Versandhaus „Quelle Schickedanz AG & Co“, und war somit Teil der "Arcandor AG". Daraufhin wurden alle Hertie-Filialen entweder in „Karstadt“ umbenannt, geschlossen oder verkauft. Einzig das Münchner Warenhaus sowie die Filiale in Berlin-Neukölln firmierten bis September 2007 als Hertie. Am 8. August 2009 waren die Hälfte der 50 Hertie-Warenhäuser zum letzten Mal geöffnet. Die restlichen Kaufhäuser wurden am 15. August 2009 geschlossen. Damit hat sich der Name Hermann Tietz samt Hertie erledigt. Einzig die Hertie-Erben gehen als Gewinner aus dem Rennen.

 

 

 

               Quellennachweis:

 

Chronik des 19. und 20. Jahrhunderts/Chronik Verlag  1997

Engelmann, Bernt: Deutschland ohne Juden 1988

Lebensbilder Deutscher Stiftungen 1986, J.C.B. Mohr/Tübingen - Hertie-Stiftungen

Ludwig, Johannes: Boykott, Enteignung, Mord - Die „Entjudung“ der deutschen Wirtschaft 1992

Mainczyk, Karl Heinz: Post- und zeitgeschichtliche Judaica - Sammlungen

Neues Lexikon des Judentums 2000

 

 

 

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