Französische Besetzung des Ruhrgebiets

 

 

Durch den Versailler Vertrag von 1919 war Deutschland verpflichtet, den Siegermächten des 1.WK Reparationen zu zahlen. Insbesondere Frankreich bestand auf eine rigorose Einhaltung der Quoten. Eine Nichteinhaltung des Zahlungsplans wurde mit der Drohung verbunden, im Weigerungsfall das Ruhrgebiet zu besetzen. Die immer größer werdenden Probleme Deutschlands zwangen die Alliierten, die Reparationszahlungen von Geld auf Sachleistung, sprich Kohle u.a., umzustellen. Als die Reparationskommission 1922 feststellte, daß Deutschland mit den Lieferungen im Rückstand war, marschierte Frankreich ins Ruhrgebiet ein. Mit bis zu 100.000 Mann wurde das Ruhrgebiet von französischen und belgischen Truppen besetzt. Ziel war, das Produkt Kohle zur Erfüllung der deutschen Reparationsverpflichtungen zu sichern. Großbritannien sah die Besetzung allerdings als illegal an.

 

Neben der grassierenden Inflation spielte vor Ort gerade auch die französische Besatzung eine gravierende Rolle. Am 10. Januar 1923 überreichten der französische Botschafter und der belgische Geschäftsträger in Berlin dem deutschen Reichsminister des Auswärtigen eine Note, nach der auf Grund der von der Reparationskommission am 9. Januar festgestellten Unvollständigkeit der deutschen Holz- und Kohlenlieferungen die französische Regierung beschlossen habe, eine aus Ingenieuren bestehende Kontrollmission in das Ruhrgebiet zu entsenden, um die Durchführung des Programms sicherzustellen, und die für die Bezahlung der Reparationen notwendigen Maßnahmen zu treffen.

 

Das war der Anfang einer Reihe unsäglicher Repressionen im Ruhrgebiet, unter denen die Bevölkerung und Betriebe zu leiden hatten. Zum Teil ohne Maß wurden diktatorische Maßnahmen ergriffen. Die sogenannten Sieger des 1. WK nutzten ihr Potential schamlos aus. Die erreichten alle Schichten, stießen aber dort auch auf Widerstand. Die Bevölkerung mußte das Ergebnis kaiserlicher Blindheit ausbaden. Während der Kaiser ins gut versorgte Exil nach Holland ging, mußten seine ehemaligen Untertanen darben.

 

In der Frühe des 15. Januar 1923, zwischen 7 und 8 Uhr vormittags, erschienen französische Radfahrertrupps und Kavallerieabteilungen. Diese sollten den Vormarsch der französischen Infanterie unter  General Vidalon sichern. Dieser teilte dem Oberbürgermeister Hamm die Besatzung der Stadt Recklinghausen mit. Gleichzeitig wurden die Dienstzimmer des Bürgermeisters Niemeyer beschlagnahmt und der Belagerungszustand über die ganze Stadt ausgerufen.

 

Die Einwohner schenkten dem Einzug der Truppen und ihrer Anwesenheit keine Beachtung. Die Geschäfte waren geschlossen, die Fenster verhängt. Fürwahr der richtige Empfang für eine Armee, die auf den Schlachtfeldern vergeblich um den Sieg kämpften und die Scharte wettzumachen versuchten, indem sie mit modernen Kriegsmitteln über das entwaffnete Deutschland herfielen.

 

 

Eingriffe in das Post- und Eisenbahnwesen

 

Infolge Stillegung der Eisenbahnen traten im geregelten Postverkehr erhebliche Störungen ein. So mußte die gesamte Brief- und Geldpost der hiesigen Postämter täglich per Kraftwagen zur Bahnstation Sinsen geschafft oder dort abgeholt werden. Das war mit erheblichen Verzögerungen verbunden. Insbesondere Schalterbeamte waren fortgesetzt Repressalien ausgesetzt. Wiederholt erschien Militär an den Postschaltern und forderten unter Drohungen Freimarken. Am 7. März 1923 drang französisches Militär in die Schalterräume der Post in der Martinistraße ein und forderten Geld und Freimarken.

 

Der Hauptbahnhof wurde mit einer militärischen Wache besetzt. Diese Wache bemächtigte sich unberechtigterweise der Milch für die Zivilbevölkerung und behinderte die Ausgabe von Lebensmitteln und Stückgut. Das deutsche Personal wurde terrorisiert, sodaß am 23. Januar 1923 um 18 Uhr der gesamte Betrieb am Hauptbahnhof Recklinghausen stillgelegt wurde. Am 26. Januar wurde das Personal dann vom Militär aus ihren Dienststellen vertrieben. Am gleichen Tag wurde auch der Bahnhof Recklinghausen-Ost gewaltsam stillgelegt. Einen Tag später folgte die Besetzung  des Bahnhofs Recklinghausen-Süd.

 

Bei der Bevölkerung löste das Vorgehen größte Empörung aus. Die Reichsregierung rief die Menschen zu passivem Widerstand auf. Frankreich und Belgien wurden lieferungsmäßig bestreikt, Industrie und Verkehr lahmgelegt. Es kam zu Sabotageakten und Vergeltungsmaßnahmen der Besatzer mit 137 Toten.

 

Erschöpfende Auskunft über die Repressalien der Besatzer gibt das Buch Ruhrbesetzung im Quellennachweis wieder.

 

 

 

Recklinghausen

 

Postes Militaires Belgiques

Belgie Legerposterij (Armeepost)

 

Zweisprachige belgische Poststempel auf Recklinghäuser Ansichtskarten aus 1923

mit Gebührenfreiheitsvermerk S.M. (Services Militaires)

 

 

 

 

 

Recklinghausen

 

Recklinghausen litt unter der Ruhrbesetzung und den strikten Maßnahmen. Am Ostersonntag, 1. April 1923, wurde die Schachtanlage König Ludwig 4/5 besetzt und die Koks-Lagerbestände von den Franzosen beschlagnahmt.  Der Saalbau wurden von den Besatzern als Lazarett genutzt. Die Engelsburg diente der Einquartierung der Truppen. Die Paulusschule wird während der Ruhrbesetzung von französischen Truppen belegt; die Klassen werden bei gekürztem Unterricht in verschiedene andere Schulen verlegt.

 

Sein soziales Engagement brachte z. B. dem Landrat  des Kreises Recklinghausen, Erich Klausener,  den Ruf eines "roten Landrats" ein – dabei unterstützte er im Frühjahr 1920 den Reichswehr-Einsatz gegen die kommunistische "Rote Ruhr-Armee" ebenso wie den Generalstreik gegen den reaktionären Kapp-Putsch kurz zuvor. Die belgischen Ruhr-Besatzer sperrten ihn 1923 wegen eines Protestschreibens für zwei Monate ein.

 

Die Besetzung des Ruhrgebietes endete auf Druck der USA und Großbritanniens im Juli/August 1925.

 

 

Französische Feldpost

Tresor et Postes

 

Gebührenfreie Ansichtskarte von Recklinghausen nach Larochefoucauld Charente/Südfrankreich

vom 3.5.1923, blauer Dienststempel A.F.R. und Feldpoststempel mit Secteur Postal-Nummer 154.

 

 

Während der gesamten französischen Besatzungszeit galt für die Normalpost der Armeeangehörigen nach Frankreich oder den Kolonien in Nordafrika Gebührenfreiheit. Der Absender notierte auf seiner Post rechts oben den Vermerk „F.M.“ (= Franchise Militaire) oder „S.M.“ (= Service Militaire), um die Sendung als Militärpost kenntlich zu machen und eine Nachgebühr zu vermeiden. Der Vaguemestre ( zuständiger Unteroffizier für den Postdienst) der Einheit schlug außerdem auf den bei ihm abgelieferten Poststücken seinen Dienststempel ab und bestätigte somit den Anspruch des Absenders auf Portofreiheit. Auch die Angabe einer Feldpostadresse mit der entsprechenden Secteur Postal-Nummer wies den Absender als Militärangehörigen aus. Letztes Merkmal für gebührenfreie Beförderung war schließlich der Abschlag des Feldpoststempels des Aufgabepostamtes.

 

 

Französische Feldpost

Tresor et Postes

 

Gebührenfreie Ansichtskarte von Recklinghausen nach Le Mans (Zwischen Rennes und Orleans/Nordwestfrankreich)

vom 22.6.1923, einzeiliger  blauer Dienststempel "Le Vaguemestre"und Feldpoststempel mit Secteur Postal-Nummer 154.

 

 

 

Französische Feldpost

Tresor et Postes

 

Als F.M. (Franchise Militaire) deklarierte Feldpostkarte eines französischen Soldaten

vom 21.2.24 nach Mulhouse im Elsaß und einzeiliger Textstempel "Recklinghausen H.B. (Hauptbahnhof).

 

 

 

Ansichtskarte der beschlagnahmten Pferdeställe

der Schutzpolizei 1923

 

 

In unmittelbarer Nähe der beschlagnahmten Schupounterkunft am Beisingerweg wurde ein 100 Morgen großes Ackergelände

für Übungszwecke von der französischen Besatzung in Anspruch genommen und der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen.

 

 

 

Ab Juni 1924 fand die Trennung der Finanzverwaltung und des Postwesens in Frankreich auch ihren Niederschlag in den Feldpoststempeln. Die alten Nummernstempel mit der Inschrift TRESOR ET POSTES wurden durch neue Einkreisstempel mit der Inschrift POSTE AUX ARMEES (s. Abb.) ersetzt. Diese Stempel blieben dann bis zum Ende der Besatzungszeit in Gebrauch.

 

 

 

 

 

Ruhrbesetzung

 

Auslagerung der Polizeikasse nach Münster

 

Mitteilung über die Erhöhung seiner Bezüge an den

Herrn Krim. Ltr. Assist. Lutze, Berlin Greifswalderstr. 223 bei Lehmann

mit der Bitte um Angabe der Kontonummer.

 

Der Adressat war Paul Lutze, Kriminalassistent, der durch die französischen Besatzer

aus dem besetzten Gebiet zur Ausweisung gelangte.

 

120 M Frankatur für Postkarten im Fernverkehr gem. Tarif vom 1.7.1923,

Markenausgabe Januar 1923, Dienstmuster Wertziffern auf gesiegelter

Vordruckkarte "Polizeipräsident Recklinghausen".

 

 

 

 

Quellen

 

Chronik des Ruhrgebiets WAZ

Recklinghausen unter französischer Besatzung 1923/24 Klenke/Schnitzler

ARGE NRW Postgeschichte Ruhrbesetzung

Bebilderung Eigenmaterial