Der preußische Zweiringstempel ohne Jahresangabe

 

1 8 3 8 - 1 8 5 2

 

 

 

Nicht alle preußischen Stempelformen wurden in Recklinghausen verwendet. Einige dieser Stempelformen waren Versuchsstempel oder kamen nur bei größeren Postorten zur Verwendung. Das betrifft insbesondere die erste preußische Stempelform und den großen Zweikreisstempel. Aber auch verbesserte Ein- und Zweiringstempel, die zum Datum die Aufgabezeit mit und ohne V - und N für Vormittag- oder Nachmittagaufgabe aufzeigten, kamen in Recklinghausen nicht zum Zuge. Die alten Stempel aber wurden aus Sparsamkeitsgründen aufgebraucht. 

 

Nach dem kleinen Einringstempel folgte bei der Post in Recklinghausen der Zweiringstempel ohne Jahreszahl mit Buchstaben in großen Antiqualettern. Die Stempelgröße bewegte sich zwischen 22 - 28 mm, je nach Größe des Ortsnamens, der zwischen den beiden Ringen angebracht wurde. Im Mittelraum befanden sich das Datum mit oder ohne Trennstrich. Die erste Verwendung in Recklinghausen ist für das Jahr 1838, die letzte Verwendung für 1852 nachgewiesen. Aufgrund der Vielzahl an Belegen konnte festgestellt werden, daß die Post in Recklinghausen von 1838 bis 1852 mindestens zwei Stempel verwendete (Auflistung im Stempelhandbuch). Ein tadelloser Stempel mit zwei gleich runden Ringen, ein weiterer mit einer Ausbuchtung im unteren Innenring.

 

In der Hauptsache kam dieser Stempel nur bei kleineren Postorten bis in die Markenzeit zum Einsatz. Abgelöst wurde diese Stempel dann von den Kastenstempeln, die in einem weiteren Kapitel beschrieben werden.

 

Nachfolgend abgebildet sind einige schöne Briefe, allesamt mit dem Zweikreisstempel ohne Jahresangabe.

 

 

 

 

Historisches aus der Zeit von 1838 bis 1852

 

Hauptamtliche Bürgermeister in dieser Zeitspanne waren in Recklinghausen der Advocat Dr. Karl Boehlmann (1840-1842). Ihm folgte Franz Bracht (1843-1850). Er wurde von der preußischen Regierung wegen seines freiheitlichen Auftretens  abgesetzt. Als Strafe für eine demokratische Demonstration 1849 verlegen die preußischen Behörden das Kreisgericht 1851 nach Dorsten. Landrat des größten Kreises in Preußen war Friedrich Karl Devens, der auf Schloß Welheim bei Bottrop residierte.  Er stirbt 1849 nach längerer Krankheit. Nachfolger wurde Alexander Gustav Otto Robert Freiherr von Reitzenstein. Heinrich Heine reist 1843 durch Westfalen und beschreibt in seinem Versepos "Deutschland - Ein Wintermärchen" seine Eindrücke, die mit dem folgenden Vers über seine geliebten Westfalen enden:

 

 

 

Der Himmel erhalte dich, wackres Volk,

Er segne deine Saaten,

Bewahre dich vor Krieg und Ruhm,

Vor Helden und vor Heldentaten.

 

 

 

Nach Heinrich Heine mußten und müssen die Westfalen vielerlei Helden und deren Heldentaten ertragen. 1838 bis 1842 wird die erste Kunststraße durch den Kreis Recklinghausen gebaut. Diese führt von Haltern über Recklinghausen nach Bochum. Im Mai 1849 eröffnet das erste städtische Krankenhaus in Recklinghausen seine Pforten. 1847 wird der Streckenabschnitt der Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft von Duisburg über Herne nach Hamm in Betrieb genommen. Post mußte demnach immer noch nach Herne verbracht werden.

 

Das Textilgewerbe war auch in Recklinghausen vertreten. Wollspinner waren z.B. in der Brandstraße ansässig. Zwei Unternehmen  weiteten sich im Lauf der Zeit aus und wurden mit Einführung der Dampfkraft fabrikmäßig aufgestellt. Insbesondere Coppenrath & Co sei erwähnt. Am Hellbach betrieb Coppenrath eine Walkmühle, die 1851 zehn Webstühle umfaßte. Korrespondenz bis nach Amsterdam liegt von dieser Firma vor.  1849 arbeiten bei insgesamt 102 Beschäftigten in der Tuchindustrie in Recklinghausen 34 Kinder unter 14 Jahren. Cosman am Markt pries 1848 in der Recklinghäuser Zeitung seine Münsterländer Leinwand an. Zinngießer und Hausbrauereien waren ebenso vertreten wie viele andere Berufe.

 

1846/1847 war ein hartes Hungerjahr, verursacht durch eine allgemeine Mißernte 1846, besonders bei den Kartoffeln. Die Preise verfünffachten sich beim Roggen. 

 

 

 

 

 

 

Zweikreisstempel ohne Jahreszahl

 

 

 

Mit 2 Sgr. in rot (Porto bezahlt) austaxierter Brief 1838 von Recklinghausen nach Buer.

Früheste nachgewiesene Verwendung dieses Stempel in Recklinghausen.

 

 

Liquidationssache Schänzer aus Waltrop und Verteilung auf die Gläubiger

 

 

Links Anschreiben - rechts Aufteilungsplan der Erbschaft

 

Wortgetreue Leseabschrift des Anschreibens und Auszahlungsplans:

 

In der Liquidationssache Theodor Schänzer erhalten folgende

Gläubiger

Markus Rosenthal, Christian Huyssen, Heinrich Klems,

mithin Quast u. Hölling

Abschrift des Disributionsplans und werden auf

den 10 November d.J. Morgens 10 Uhr

von Oberlandesgerichts Assessor Schulz zur Erklär-

rung über denselben und Auszahlung

der Reste vorgeladen. Der Kaufmann

Klems hat den Betrag von 38-26-10

einzuzahlen.

 

Recklinghausen 16 October 1838

Königl Justiz u. Stadtgericht

Reinking

 

An den Kaufmann Hölling

zu Buer

 

 

 

    

 Nach vorstehendem Distributionsplan ist auszuzahlen

 

 1.     Zur Salarien Casse                 15-11-6

 2.     Calculator Gebühren              „ -17-6

 3.     an Rosenthal                            5- 4-1

 4.     „   Huyssen                              4-25-2

 5.     „   Quast                                  9-11-4

 6.     „   Hölling                              57-23-9

                                                       93- 3- 4

 

 An Endstand ist vorhanden mit den

 noch einzunehmenden Bankzinsen = 54-6-6

 Kaufmann Klems hat zu zahlen 41-27-1.

 derselbe erhält                               3-3

 

 muß zahlen     38-26-10                 93-3-4

 

 

 

 Recklinghausen 19 August 1838

 Rehmann

 Calculator

 

 

Talerwährung in Preussen bis 1875:

Taler-Silbergroschen-Pfennige=

1 Taler-30 Silbergroschen-360 Pfennige

 

 

 

 

Postinsinuationsdokument an die General Commission in Münster

 

 

 

 

 

Zustellung der Abschrift  des Erkenntnisses vom 19. August 1845 in der Theilungs- Sache

der Herter Mark des Höfner Schulte zu Backum. Die Übergabe des Dokuments attestierte der Deputierte

Höfner Alexander Volmer in Curig. Der Postbote Brüner bestätige die persönliche Übergabe.

Daneben Postamtssiegel des Postamtes Recklinghausen.

 

 

 

 

Subskriptionsschreiben der evangelischen Kirche zu Recklinghausen.

Anlaß war der Bau einer Kirche in Recklinghausen.

 

 

An den Königlichen Superintendenten

Herrn Grafen von der Schulenburg-Wolfsburg

Hochwürden zu Wolfsburg

Regierungsbezirk Magdeburg

 

 

Portofreier Brief: Angelegenheit der Herausgabe von Predigten, zum Besten

der evangelischen Gemeinde Recklinghausen; frei, laut Ordre vom 24. Juni 1845.

Rückseitig Ausgabestempel Magdeburg.

 

Anhand der Unterzeichneten ist abzulesen, welchen Einfluß das preußische Königshaus auf die Besetzung

von Schlüsselstellungen in der Verwaltung mit Evangelen im ansonsten so starken katholischen Münsterland nahm

und nachhaltig Kurköln den Platz streitig machte.

 

 

 

 

Coppenrath & Co

 Walkmühle in Grullbad (a.a.O.)

 

 

Austaxierter Auslandsbrief 1848 von Recklinghausen nach Amsterdam.

Die Rückseite zeigt einen roten Grenzübergangsstempel

und einen roten Eingangsstempel von Amsterdam.

 

 

 

Stahlstich- Faktura - Briefkopf

 

 

Zeitgenössische Darstellung der Fabrikgebäude 1848 - daneben Foto 1920

und Datierung auf der Briefrückseite.

 

 

 

Portofreie Polizeisache

an den Amtmann Leppelmann in Waltrop

in einer Obdachlosenangelegenheit

 

 

 

Rückseite Siegel der Stadt Recklinghausen.

 

 

      

 

Leseabschrift

 

In der Gemeinde Datteln

sind Eheleute Trockelmann mit

einem Mädchen und Knaben arres-

tiert worden, der Mann und das

Mädchen sind auf dem Transport

hierher entsprungen. Die Ehefrau

wird, wie vorauszusehen, noch

einige Zeit inhaftiert bleiben

und muß deshalb der Knabe

untergebracht werden.

Einen Wohnort scheint die Ehefrau

Trockelmann nicht zu haben, der

nach Anzeige der Polizeibehörde

zu Wesel die Eheleute Trockelmann

seit Juli 1845 Wesel verlassen

und nach Angabe der Ehefrau

seit jener Zeit keinen festen

Wohnsitz mehr gehabt.

Wir ersuchen, für die baldige

Unterbringung der Kinder Sorge

tragen, und uns davon in

Kenntnis setzen zu wollen.

Der Knabe ist 7 Jahre alt.

Wenn nicht die hiesige, sondern

die Gemeinde Datteln zur Unter-

bringung des Knaben und Zahlung

der desfallsigen Kosten ver-

pflichtet sein sollte, so bitten

wir, diese citissemé dorthin

gelangen zu lassen.

 

Recklinghausen, den 18. August 1849

Königliches Kreisgericht Abteilung I

 

Schlathölter Justizfranchise

 

 

Quellen

 

Das Vest Recklinghausen Adolf Dorider 1948

Slg. Postalische Heimatgeschichte Recklinghausen

Vorlagen/Kopien div. Slg.