Oberdisteln - Scherlebeck

 

Ein kleiner Streifzug durch die Gemeinde

 

Scherlen an der Becke oder auch Scredelbeke, Land am Bach oder an der Grenze könnten die Ursprünge des Ortsnamens sein.

Der Ort war lange landwirtschaftlich geprägt und hat zwei Bauerschaften, Elpe und Ried.

 

Mit dem Einzug des Bergbaus veränderte sich der Flecken. Im Lauf der Jahre wuchs die Bevölkerung in Folge der Industrialisierung von rd. 180 Einwohnern 1885 auf  2000 Einwohner im Jahr 1905. 2009 lebten dort cirka 7000 Menschen.  Die Zeche Schlägel und Eisen baute für die angeworbenen Arbeiter an der Schlägel- und Margenboomstraße Wohnhäuser und die sogenannte Kolonie Getrudenau mit Straßennamen der Kinder des Bergrates Behrens; Ilsenstraße, Wolfgangstraße, Helenenstraße, Karl-Hermann-Straße. Andere Straßen bekamen so hochkarätige Namen wie Bismarckstraße oder Kaiserallee.

 

 

Postzustellungsurkunde an den Landwirt Heinrich Berger in Scherlebeck,

ausgehändigt an den Vater des Adressaten am 24. Juli 1900.

 

 

 

Die Übergabe bestätigte der Postbote zu Langenbochum - Rikus -.

Freigemacht war die PZU mit 3 x 10 Pfg. Germania Reichspost,

Poststempel Langenbochum, Bezirk Münster.

 

 

Zeche Schlägel und Eisen V-VI

 

Ansichtskarte um 1918

 

Für die Reichspost lohnte sich die Einrichtung einer Poststelle in Scherlebeck im Jahr 1900. Die Postversorgung wurde vor deren Einrichtung von Langenbochum aus besorgt (s. Abb.). 1908 wurde in der Poststraße 8 in Scherlebeck eine Poststelle eingerichtet und ein Poststempel "Oberdisteln Westfalen" (s. Archivbild) zugeteilt. Die Bezeichnung wurde 1913 in  „Scherlebeck Kr Recklinghausen“ (s. Abb.) geändert. Bis 1917 gab es noch zwei Landbriefträgerposten nach Hochlar und Oberdisteln. Danach wurden die Postsachen mit der Straßenbahn befördert. 

 

1924 wurde Paul Sickmann  Postagent im eigenen Haus auf der Scherlebecker Straße 209 (s. Buntkarte). Nach dem 2. Weltkrieg bis in die frühen 1950er Jahre kam man durch ein schmiedeeisernes Tor links von der Gaststätte in den Postraum und konnte bei ihm die Postgeschäfte erledigen. Aus dem Fenster ragte ein Ofenrohr zur Beheizung des Amtsraumes.

 

Im Zuge der kommunalen Neugliederung wurde Scherlebeck 1926 aus dem Amt Recklinghausen herausgelöst und der Gemeinde Herten zugeschlagen. Nach der Eingemeindung führte die Poststelle einen Einkreisstempel Herten-Scherlebeck. Die Verbundenheit der Bewohner zu Recklinghausen aber blieb trotz der Eingemeindung. Hieß es für uns "Wir fahren in die Stadt", so war damit nicht etwa Herten sondern stets Recklinghausen gemeint. An meinen fünf Fingern kann ich abzählen, wie oft ich in meiner Kindheit Herten besucht habe.

 

Langenbochum bekam 1899 eine Postagentur. Disteln folgte erst 1928 nach der Gemeindereform von 1926 mit einer Postagentur und einfachem Betrieb, 1930 dann Vollbetrieb und 1938 Umzug zur Scherlebecker Straße 62 ins Haus des Postagenten Gahlen.

 

 

Streifband des Deutsch-Österreichischen Alpen-Vereins von 1903 nach Disteln

 

Postkarten im Kaiserreich

 

Der Bahningenieur Sommerfeld war ein reger Briefmarkensammler zu seiner Zeit.

Seine philatelistischen Korrespondenzen  tauchen immer wieder auf.

Er regte schon rund 20 Jahre vor der Gründung des Briefmarkensammlervereins in Recklinghausen

die Gründung eines Klubs an. Unter seiner Führung kam es aber zu keiner Vereinsgründung,

da er beruflich ständig auf Wanderschaft war. Die vorliegende Postkarte

nach Disteln läßt unschwer erkennen, daß er Sammler war.

 

 

Der Sommerfeldkarte wurde eine 3 Pfg. Germania Deutsches Reich zugeklebt.

Neben den Poststempel Recklinghausen zeigt die Karte

den Ausgabestempel der Post in Herten, die in Disteln zustellte.

 

 

 

R. (Recklinghausen) 17. II.1906

Sehr geehrter Herr Assessor!

 

Für mein am 6. d. M. an Sie gerichtetes Schreiben werden Sie

möglicherweise 25 Pfg. Strafporto haben zahlen müssen.

Das beruht auf einen Versehen der Post;

falls Sie noch am Besitze des Umschlages sind,

wäre ich Ihnen für Übersendung sehr dankbar.

hochachtungsvoll

 

G. Sommerfeld

 

 

2 Pfg. Postkarte für den Ortsgebrauch von 1902. Bei Schließung der Privatposten im Kaiserreich wurde diese Ganzsache als reduziertes Ortporto ausgegeben. Es dauerte nicht lange, da wurde das Porto heraufgesetzt und die Ganzsachen konnten nur noch als Aufbrauchsausgabe oder mit Zudruck eines Wertstempel zu 3 Pfg. verwendet werden. So etwas kennen wir auch heute.

 

 

 

  

Montags - Kegelclub

Sonntag, d. 28. d. Mts. (1908) abends 8 Uhr, wird

in der Engelsburg vermittels eines klei-

nen Abendessens die Kegelkasse vertan.

U.A.w.g.*      i. A.

Russel

 

*U.A.w.g.=Um Antwort wird gebeten.

 

 

Die Ganzsache an den Assessor Lenz wurde 1906 mit Wertstempelzudruck verausgabt.

Ein Ausgabestempel von Herten fehlt, da diese Maßnahme 1906 von der Post für normale Post eingestellt wurde.

Beide Karten/Ganzsachen sind Teile von Antwortpostarten und haben keine Wasserzeichen.

 

 

 

Als die Ehefrauen den Titel des Ehemannes trugen:

 

Korrespondenz Disteln - München

 

Postkarte im Fernverkehr, Ganzsache mit Werteindruck und Auffrankatur,  150 Pfg lt. Tarif vom 1.7.1922.

Aufgabe in Recklinghausen mangels eines Postamtes/Poststelle in Disteln.

Entwertet mit einem Einkreisstempel mit Gitterbogen oben und unten vom 14.7.22  11-12 V.

 

Anschrift:

 

Kaufhaus Wallach

München

Bayerische  Trachten und Kunstgewerbe-

Artikel

 

Leseabschrift:

Disteln, den 13. Juli 1922

 

Senden Sie mir bitte umgehend

Muster von bunt gestreiften Stoffen

zu Sportröcken in Wolle:& Waschstoffen.

 

Frau Bergassessor Lenz

Disteln b. Herten i Westfalen

 

 

 

Als Oberdisteln wurde der Teil von Scherlebeck oberhalb der Zeche ab Einmündung Langenbochumer Straße bezeichnet. Margenboom- und Schlägelstraße zählten ebenso dazu. Wenn  jemand von der Ilsenstraße zur Margenboomstraße lief, hieß es, er geht nach Oberdisteln. Das eigentliche Scherlebeck, insbesondere mit der neuerbauten Kolonie Getrudenau, ging dann hinunter bis nach Berger an der Elper Straße.

 

 

 

 

Postkarte mit dem ersten Scherlebecker Poststempel „Oberdisteln Westfalen“.

Daneben "Kaiserliches Postamt Scherlebeck" Poststraße 8.

 

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Zeitgenössische Ansichtskarten von Oberdisteln (Scherlebeck) 1903. Die Poststelle Sickmann

war 1924 in der rechts abgebildeten Gaststätte im Anbau der linken Seite untergebracht.

 

 

 

Für die Bewohner der Kolonie Getrudenau wurden drei Kindergärten (Kinderverwahrschulen) eingerichtet. Einer am Ende des Zechengeländes, heute Park an der Gertrudenstraße, ein anderer am Ende der Karl-Hermann-Straße (s. Abb.). Beide Gebäude haben die Zeit überdauert. Der dritte Kindergarten wurde am Ende der Ilsenstraße eingerichtet, welcher späterhin als Wohnhaus genutzt wurde. Das Gebäude ist zwischenzeitlich einem Neubau gewichen. Ersatzweise wurde dafür im Schwesternhaus an der Kirche eine neuer Kindergarten eingerichtet.

 

 

Oben der Kindergarten im Schwesternhaus (die ganze Häuserzeile samt Kirche ist abgerissen),

darunter der neue Kindergarten in der Straße "An der Kirche".

  

 

  

 Das Kinderheim Karl-Hermann-Straße war eine der beiden Verwahrschulen,

die von der Zeche gebaut wurden. Hier auf einer Feldpostkarte 1915.

Das Haus ist heute noch in seiner ursprünglichen Form erhalten.

Nach Schließung des Kindergartens wurde dort eine Kochschule eingerichtet.

 

 

 

 

Der evangelische Kindergarten an der Gertrudenstraße in Scherlebeck,

Vorder- und Rückseite, darunter ein Foto aus 2010.

Foto: Mainczyk 2010

 

 

 

Gebrüder Möllers Recklinghausen

Kunstschnitzer

 

     

Neuer Einkreis-Poststempel Scherlebeck auf portofreier Soldatensache - Ansichtskarte vom 4.2.13.

 

 

Leseabschrift:

Lieber Bruder!

Die herzlichsten Grüße von

mir. Habe umstehende Ansicht

heute bei Husmann in

Scherklebeck gesehen, wirklich

ein Kunstwerk.

Es grüßt dich Dein Bruder

Hermann

 

 

 

   

Mitte Bestellung aus der Kolonie Getrudenau, Franz Rapior, Ilsenstraße 8a -

rechts die bekannte Landmarke mit dem ersten Wasserturm von 1908.

 

Links das alte Pfarrhaus mit der ersten katholischen Kirche.

Historische Aufnahme - die Gebäude existieren nicht mehr.

 

 

 

 

Sonderpostkarte zum Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg

 

6 Pfg. Ganzsache mit Vordruckänderung aus 1934 mit schwarzem Trauerrand,

entwertet mit einem Einkreisstempel Recklinghausen 1 e.

 

 

 

 

Nachfolger des Scherlebecker Poststempels wurde der abgebildete Einkreisstempel mit V-N Type.

Dieser wurde vor Ort bis weit nach dem 2. Weltkrieg verwendet.

 

 

 

 

 

Links Ansichtskarte von Schreibwaren Zander um 1955. Bis auf die alte Kirche

ist der Gebäudebestand erhalten. Auch die Wirtschaft Berger (rechts) hat Bestand.

 

 

 

Ansichtskarten-Ausschnitte aus den 1950er Jahren

 

 

Oben Richtung Konsum/Kohlen Sebastian-Adolf-Kolping-Schule/Feuerwehr-

darunter die Geschäftszeile Richtung Gaststätte Kemper, einer langjährigen Institution.

 

 

Mehrbild Ansichtskarte aus den 1950er Jahren

 

 

 

**  Die bunte AK Oberdisteln wird von mir als gestohlen reklamiert!

Hinweise auf den Verbleib werden höflich erbeten.

 

Quellen Oberdisteln-Scherlebeck:

Historie Stadtarchive

Festschrift RRP 79

Kalender/Katalog-Repros

Bebilderung/Fotos eig. Material