I G N A T Z    N A C H E R

 

1 8 6 9   -   1 9 3 9

 

 

 

 

 

 

Engelhardt Brauerei Berlin

 

Im Jahre 1901 wurde Ignatz Nacher im Alter von 33 Jahren Teilhaber der Engelhardt Brauerei, die bereits im Jahre 1860 von Ernst Engelhardt gegründet wurde und Caramel-Malzbier herstellte. Mit Nacher kam die winzige Brauerei mit zwei Bierwagen und zwei Pferden als Gespann erst richtig auf Trab. Nacher betrieb bis dahin ein kleines Zigarrengeschäft, ehe er in die Braustätte in der Chausseestraße einstieg. Von Bier verstand Nacher nicht viel. Doch das hat sich bald geändert. Bereits 1905 wurde eine neue große Brauerei in Pankow errichtet.

 

 

 

    

Portogerechte Firmenkarten (Germaniamarken-Frankatur)

der Engelhardt-Brauerei und Groterjan & Co.

 

 

Zunächst bringt Nacher die Firma kaufmännisch auf Vordermann. Dann macht er sich Gedanken über das Produkt. Durch die Hefe spritzt warmes Bier  beim Öffnen immer aus der Flasche. Da es auch nicht haltbar und lagerfähig ist, schreibt Ignatz Nacher dieserhalb an Louis Pasteur in Paris. Pasteur hat sich darüber zwar noch keine Gedanken gemacht. Dennoch empfiehlt er das Bier zu „pasteurisieren“. Doch die ersten Versuche mißlingen. Die Flaschen zerspringen beim Erhitzen. Nacher aber läßt dickeres Flaschenglas produzieren, welches das Problem löst. Jetzt gibt es haltbares und lagerfähiges Bier für jeden Bauarbeiter. „Engelhardt“ wird ein Begriff und die Expansion ist nicht aufzuhalten. Man gründet eine Aktien-Gesellschaft, bei der Nacher den größten Teil der Aktien selbst zeichnet.

 

 

 

  

Firmenpostkarte mit Original Unterschrift von Ignatz Nacher.

Die Germania-Marke ist mit einer Firmenlochung versehen.

 

 

Lochungen 

 

 

 

 

Diese Lochungen, englisch perfin, sind private Lochungen zum Schutz der Portokasse. Im eigentlichen Sinn  sind die privat gelochten Marken für den Sammler wertlos. Allerdings gibt es immer mehr Sammler, die sich mit der Herkunft dieser aus Buchstaben oder Symbolen bestehenden Merkmale auf den Marken befassen. Die Durchlochungsmaschine wurde 1867 von dem Engländer Joseph Sloper erfunden, patentiert und am 13. März 1868 postamtlich zugelassen. Es folgte 1874 die Schweiz, Frankreich 1876 und Deutschland 1877. Inzwischen sind diese Lochungen untersagt, da von interessierter Seite zum eigenen Nutzen viel Unfug damit getrieben wurde. Diese privaten Lochungen sind nicht zu verwechseln mit amtlichen Lochungen, z.B. den Eisenbahnmarken von Bayern. Amtliche Lochungen machen die Marken, im Gegensatz zu den privaten Lochungen, nicht wertlos.

 

 

 

Firmenkarte des Brauhauses Charlottenburg

aus den ersten Tagen der beginnenden Inflation

 

 

Als erster ließ Ignatz Nacher auch Malzbier ohne Alkohol brauen. Eine seiner Beteiligungsfirmen, die Malzbierbrauerei Groterjan & Co AG zu Berlin wird zum „besten Pferd im Stall“. Zum Firmenimperium von Nacher gehören Anfang 1933 nicht nur Brauereien im oberbayerischen Raum, in Bamberg, Erlangen, Weiden und Lichtenfels, sondern auch Beteiligungen an der Dortmunder Stifts Brauerei sowie an der Winterhuder Bierbrauerei in Hamburg (heute Haake-Beck). Engelhardt ist der zweitgrößte Brauerei-Konzern Deutschlands und ihr Generaldirektor, wie der Vorstandsvorsitzende einer Aktiengesellschaft genannt wird, heißt Ignatz Nacher. Mit im Vorstand sein an Kindes statt angenommener Sohn, Dr. Hermann Eisner, der Ehemann der Schauspielerin Camilla Spira.

 

 

 

 

Notgeld der Engelhardt-Brauerei

mit dem Namenszug von Ignatz Nacher (einseitiger Druck).

 

 

 

 

Firmenbrief mit portogerechter Ortsfrankatur 4 Millionen Mark

gem. Posttarif vom 1.11.1923, Aushilfs-Ausgabe

Ergänzungswerte mit Überdruck des neuen Wertes.

 

 

 

Doch die Zeiten sind unruhig und in Berlin herrscht dicke Luft. Die Nazis machen sich breit und reißen alle Macht nach der Wahl am 5. März an sich. Sie werden stärkste Fraktion und wählen einen neuen Fraktionsvorsitzenden: den „Alten Kämpfer“ (seit 1927) Dr. Julius Lippert. Biertrinker sind sie alle, ob Goebbels oder Lippert. Allerdings: Bier ist nicht gleich Bier. Das „Judenbier“ von Engelhardt und „Groterjan“ wird von „Pgs“ schon aus Prinzip boykottiert. Die jüdischen Brauereien in der Reichshauptstadt sind den Nazis ein Dorn im Auge. Lippert wird von Hermann Göring zum „Kommissar zur besonderen Verwendung des Oberbürgermeisters von Berlin“ ernannt. Seine Aufgabe: “Die Reichshauptstadt von jüdischen und korrupten Elementen zu säubern.“ Man beachte die Satzfindung.

 

 

 

 

Aktie von 1928 mit Faksimile-Unterschrift von Ignatz Nacher

 

 

 

Bald ist der feine Saubermann-Staatskommissar Pg. Dr. Lippert überlastet. Reihenweise werden jüdische Industrielle zu „Gesprächen“ vorgeführt, u.a. auch Ignatz Nacher, der entschlossen war, den Nazis die Stirn zu zeigen. Nach mehreren Stunden ist das „Gespräch“ vorüber. „Stapo D 2 Engelhardt Brauerei“ lautet das Zeichen der Akte, die Regierungsrat Dr. Alexander von Steinmeister anlegte mit folgendem Vermerk: Ab kommenden Montag wird es auch in der Judenbrauerei Änderungen geben; der Großaktionär habe sich dem zwar  widerwillig, aber letzen Endes doch gefügt. Außerdem habe man ihm sicherheitshalber den Paß abgenommen.

 

 

 

  

Firmenbrief, portogerechte Frankatur 15 Pfg. der Ausgabe Hindenburg für Briefe bis 50g

im Fernverkehr gem. Posttarif vom 1.8.1927, Marke mit Firmenlochung.

 

 

Montag, den 20. März 1933, tagt in der Engelhardt Brauerei ohne Einhaltung von Form und Fristen der Aufsichtsrat.  Es tauchen dort neue Gesichter auf, u.a. die Herren  Alfred Hölling, Bankdirektor und ein „Industrieberater“ Dr. Hilar Giebel als Abgesandte der Dresdner Bank, die, wie in den meisten Fällen des Dritten Reiches, ihre Finger im Spiel hatte. Die Legitimation der anwesenden neuen Herren besteht einzig und allein darin, den Willen der „nationalen Erhebung“ im Aufsichtsgremium der Engelhardt-Brauerei zu repräsentieren. Gewählt von ihnen ist keiner. Der Niedergang des Generaldirektors Ignatz Nacher läuft auf vollen Touren. Neben den eingeschleusten Nazis kommt Verrat ehemaliger Vertrauter hinzu, Verhaftungen und KZ-Aufenthalte,  ein Prozeß, der ihm Bestechung unterschiebt, die es aber gar nicht gab. Es wurde eben so hingebogen, bis alles paßte und Nacher klein war. Er wurde schamlos erpreßt und eingeschüchtert. Nach der Pogromnacht 1938 kann er seinen Sohn Dr. Hermann Eisler und die Schwiegertochter Camilla Spira noch warnen, nach einem Urlaub nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Jetzt, wo seine Kinder nicht mehr kommen werden, hält den siebzigjährigen Nacher nichts mehr in Berlin. Er beantragt die Auswanderungsgenehmigung in die Schweiz. Bevor Ignatz Nacher seine Papiere erhält, wird er vom Nazi-Staat zur Kasse gebeten:

 

                                   544 000,-- Judenvermögensabgabe

                                   136 000,-- Judenvermögensabgabe

                                   531 278,-- Reichsfluchtsteuer

                                   319 788.-- Auswanderungsabgabe a.d. Jüd. Gemeinde

                                   265 840,-- Dego-Abgabe

                                             zusammen 1 660 916,-- Mark.

 

 

 

Firmenfreistempelbeleg der bereits "arisierten" Brauerei,

nunmehr in  Berlin-Charlottenburg, Portostufe für Postkarten.

 

 

 

Zu guter Letzt meldet sich noch das Hauptzollamt Bamberg und macht hinterzogene Biersteuern geltend in Höhe von 150 000 Mark, obwohl die betroffenen Holdingfirmen längst liquidiert sind. Ignatz Nacher erlebt das nicht mehr. Der Engelhardt-Konzerngründer und Ex-Konzernchef, am 25. November 1868 in Österreichisch-Schlesien geboren, der sich im Sommer 1939 mit der bescheidenen Barschaft, die ihm verblieben war, nach Zürich absetzen darf, stirbt dort zwei Wochen nach Kriegsbeginn am 15. September 1939 so, wie es der „Industrieberater der Dresdner Bank“, Dr. Hilmar Giebel angekündigt hatte:“... am Bettelstab“.

 

Nach dem Krieg wußte in der „Sache Nacher“ Niemand von Nichts. Man stellte sich dumm, was den Betreffenden gar nicht schwer fiel. Der Umgang mit Ignatz Nacher wurde schlichtweg geleugnet. Es bedurfte schon hartnäckiger Nachforschungen durch den Autor Johannes Ludwig, um die Spuren in dieser schändlichen Angelegenheit zu sichern. Berlin ehrte den Unternehmer und Mäzen mit einer Ignatz-Nacher-Straße im Bezirk Friedrichshain/Kreuzberg.

 

 

 

Firmenbeteiligungen der Engelhardt Brauerei AG

 

 

 In der Bierstadt Dortmund war Ignatz Nacher an der Stifts-Brauerei beteiligt

(dritter Krug von rechts). So bekam westfälisches Bier seinen Bezug zu Berlin.

 

 


 
 

Die Zeitungsartikel verschweigt schlicht die Beteiligung der Engelhardt-Brauerei.

 

 

 Auch diese bayerische Brauerei gehörte

zum Engelhardt - Konzern.

 

 

 

 

Quellen

 „Boykott, Enteignung, Mord“ von Johannes Ludwig

Bebilderung Eigenmaterial