F R A N Z      M E H R I N G 

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An der Spree

 

O Spree, was wirst du uns noch alles schenken!

Ein Zirkus und ein Dom, das gibt zu denken!

Chr. Morgenstern

 

 

 

Franz Erdmann Mehring wurde am 27. Februar 1846 als Sohn eines höheren Steuerbeamten und ehemaligen preußischen Offiziers in Schlawe (Pommern) geboren. Er besuchte Gymnasien in Stolp, Berlin und Greifenberg (Pommern), studierte klassische Philologie in Leipzig und Berlin und promovierte zum Dr. phil. 1882 an der Universität in Leipzig. Ab 1869 war er Mitarbeiter der radikal-demokratischen „Zukunft“ am Oldenbergschen Korrespondenzbüro und der demokratischen „Frankfurter Zeitung“. Mitte der 80er Jahre studierte er die Schriften von Marx und Engels und gewann wachsende Sympathie für die kämpfenden Arbeiter, die in der Forderung nach Aufhebung des Sozialistengesetzes gipfelte.

 

 

 

Gedenkmarke 1955 aus der Serie

"Führer der deutschen Arbeiterbewegung"

 

 

 

Seit 1887 pflegte er freundschaftliche Beziehungen zu August Bebel und Wilhelm Liebknecht. 1891 wurde Franz Mehring Mitglied der sozialdemokratischen Partei  und Leitartikler der „Neuen Zeit“. Er veröffentlichte richtungweisende Artikel zu historischen, politischen und literatur-geschichtlichen Problemen. Mit der Veröffentlichung der vierbändigen „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ (1898) begründete Mehring die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung als wissenschaftliche Spezialdisziplin und wurde der bedeutendste Historiker der deutschen Arbeiterbewegung. 1902 publizierte Mehring einen Teil des literarischen Nachlasses von Marx, Engels und Lassalle und leistete damit einen hervorragenden Beitrag zur Sammlung der Geschichte  der frühesten Arbeiterbewegung.

 

 

 

Eine Briefmarke gab es weder in der Bundesrepublik noch in Berlin

für Franz Mehring. Das überließ man den Kommunisten.

 

 

 

Von 1906 bis 1911 war er Lehrer für Geschichte an der Zentralen Parteischule der Sozialdemokratie in Berlin. Er hatte mit vielerlei Problemen im politischen Raum zu kämpfen und war ein erbitterter Gegner des 1. Weltkrieges.  Ab August 1916 nahm man ihn für vier Monate in „militärische Schutzhaft“. Dessen ungeachtet  wurde Mehring im März 1917 mit großer Mehrheit in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt. 1918 veröffentlichte er mit dem Buch „Karl Marx. Geschichte seines Lebens“ die erste umfassende Biographie des Begründers des wissenschaftlichen Sozialismus. In seinen letzten Lebenstagen beschäftigte er sich mit der in Gründung befindlichen kommunistischen Partei. Franz Mehring starb am  28. Januar 1919  in Berlin. Sein Ableben bewahrte ihn vor einem zweifelhaften Schritt in die falsche Richtung. 

 

 

Straßen und Plätze wurden dann aber doch mit seinem Namen benannt.

 

 

 

„Heute, wo uns Intelligenzen bürgerlicher Herkunft rudelweis verraten und verlassen,

um zu den Fleischtöpfen der Herrschenden zurückzukehren,

können wir ihnen mit verächtlichem Lächeln nachblicken: Geht nur!

Wir haben der deutschen Bourgeoisie doch das Letzte und Beste weggenommen,

was sie noch an Geist, Talent und Charakter hatte: Franz Mehring.“

Rosa Luxemburg zu Mehrings 70. Geburtstag

 

 

 

 

Deutschland, ein Einwanderer-Land?

 

"... eine zweifelhafte Vermehrung der Bevölkerung .., "

 

 

 

 

 

Franz Mehring in seinem Werk

“Historische Aufsätze zur Preußisch-Deutschen Geschichte“

über Despotismus,  Kolonisation (Ansiedlung/Einwanderung) und Bildung (Auszug)

 

 

 

 

 Despotismus

 

Friedrich II. (Der alte Fritz) regierte von 1740 bis 1786. Sein aufgeklärter Despotismus (Willkürherrschaft) gilt als die höchste Form des modernen Absolutismus (unbeschränkte Herrschaft eines Monarchen = Willkürherrschaft), und zwar in beiderlei Sinn des Wortes: sowohl nach der Unbeschränktheit der fürstlichen Macht hin, als auch nach der Verwendung dieser Macht für die Wohlfahrt des Volkes. Die eine wie aber die andere Behauptung bedarf  der Einschränkung durch den Satz:

 

innerhalb der Grenzen, die durch die ökonomischen (wirtschaftlichen) Grundlagen dieses Despotismus gegeben waren. Die preußen-freundlichen Mythologen (Sagen- und Götterkundler) täten nachgerade wohl daran, sich endlich zu dieser wissenschaftlichen Auffassung zu bekehren, denn in dem holden Streite mit ihren preußenfeindlichen Gegenfüßlern  müssen sie hundert Niederlagen gegen einen Sieg davontragen, wenn auf Grund der Einbildung gekämpft wird, daß die Macht Friedrichs unbeschränkt und daß es seine Pflicht gewesen sei, diese Macht im Interesse der Volksmasse zu handhaben.

 

 

Kolonisation

 

Mit der Ansetzung von Kolonisten hatte der König wenig Glück. Er nahm dazu nicht etwa die jüngeren Söhne der heimischen Bauern, wie schon zeitgenössische Schriftsteller rieten, sondern suchte in der einseitigen Bevölkerungspolitik seines Merkantilismus (Volkswirtschaftslehre des Absolutismus) möglichst viel fremdes Volk ins Land zu ziehen. Da aber sein Despotismus im Reiche und im Auslande durchaus keines einladenden Rufes genoß, so mußte er den Einwanderern die größten Vorrechte in Sachen der bäuerlichen, militärischen und steuerlichen Lasten versprechen, ohne doch viel anderes zu bekommen

 

 

als verlorenes Gesindel.

Statt wirklicher Bauern kamen, wie er einmal sagte,

“Perruquiers und Commedianten“ oder, wie er ein andermal klagte,

“Barbiere, Destillateure, Viktualienhändler, Apotheker, Köche, Kuchenbäcker, Glücksbudner“;

ein drittes Mal suchte er gar die türkischen Tartaren anzulocken

unter dem Versprechen, ihnen Moscheen zu bauen.

 

 

 

Über die Kolonien in Ostfriesland schreibt Schlosser (Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts):

 

 

„Gesindel aller Art strömte herbei, der Verfasser ... selbst hat gesehen, wie unsicher

dadurch die an sich unzugänglichen Gegenden wurden, wie des kargen Königs Geld

dabei verschwendet ward und wie die Bewohner seiner kostspieligen Anlagen

schon nach zwanzig Jahren durch Elend, Trägheit, Schmutz, Bettelei, Raub und Mord

ein Schrecken der alten Einwohner geworden waren“.

 

Die 300.000 Kolonisten, die Friedrich angesetzt haben soll,

waren also eine zweifelhafte Vermehrung der Bevölkerung,

und der an sich wohlgemeinte Versuch des Königs, die durch die Leibeigenschaft

 

„faule und schläfrige Art des Landmannes durch neues Blut zu korrigieren

und dem Lande ein Exempel besserer Wirtschaft zu geben“,

verdient nicht ... die Lobeshymnen der patriotischen Historiker.

 

 

Bildung

 

Am schärfsten tritt die Kurzsichtigkeit von Friedrichs innerer Politik auf solchen Gebieten  hervor, auf  denen  man  gerade von  ihm,  dem  Philosophen  und  Poeten, ein besseres Verständnis seiner Pflichten hätte erwarten sollen. Sein Vater, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), König in Preußen, war ein banausischer Verächter von Bildung und Wissenschaft, aber er hatte noch eine Ahnung davon,

 

 

daß geistige Kenntnisse zur Hebung des Wohlstandes

und damit zur Stärkung der Finanzen beitragen.

 

 

Er gründete Militär- und Volksschulen; er führte die allgemeine Schulpflicht wenigstens auf dem Papier ein.

 

Das wurde unter Friedrich anders und viel schlechter. Er kümmerte sich um die Volksschulen sehr wenig, so gut wie gar nicht, oder um das Ding beim richtigen Namen zu nennen: er schlug sie einfach tot. Kurz vor dem Hubertusburger Frieden sandte er aus Sachsen, dem in seiner Art klassischen Lande des deutschen Schulwesens, acht Schullehrer nach Preußen, von denen vier in der Kurmark und vier in Hinterpommern angestellt wurden. Aber dann verfügte der König, daß seine invaliden Soldaten die Schullehrerstellen erhalten sollten, so daß:

 

 

 

„... war der Vorgänger ein nur nicht ganz unwissender Mann,

die Schüler unterrichteter waren, als der in Waffen ergraute Lehrer“.

 

 

 

Was alles den modernen Byzantinismus (Kriecher/unwürdige Schmeichler) nicht gehindert hat, in Friedrich dem Gro0en (den) „Heros der Aufklärung auf dem Gebiet des Schulwesens“ zu feiern.

 

 

Wofür!

Gleich Kindern laßt ihr euch betrügen,

bis ihr zu spät erkennt, o weh!

Die Wacht am Rhein wird nicht genügen,

der schlimmste Feind steht an der Spree!

Georg Herwegh

 

 

 

 

 

Und ihr Genossen?

Nicht gelesen - nichts gelernt?

 

 

 

 

Quellen:

Franz Mehring “Historische Aufsätze zur Preußisch-Deutschen Geschichte“

über Despotismus,  Kolonisation  und Bildung (Auszug)

Zitate/Anmerkungen: Chr. Morgenstern/Georg Herwegh

Bebilderung Slg. Sozialdemokratie & Philatelie