Korrespondenzen jüdischer Firmeninhaber

innerhalb der Wälle

 

Die seit dem Mittelalter einseitig auf Handel, Schächten und Schlachten ausgerichteten Berufsstrukturen  waren eine Folge der gesellschaftlichen Beschränkungen, denen die Juden unterworfen waren. Erst als die Vorrechte der Zünfte  in Preußen 1810/1811 aufgehoben wurden, öffneten sich andere Berufszweige für die Juden. Auch im Großherzogtum Berg, also im Vest Recklinghausen, wurden zu dieser Zeit die Gildenbücher abgeschafft. Dennoch hielten sich diese beiden Sparten noch weit über die Einführung der Gewerbefreiheit hinaus. Das bestätigen die nachfolgend abgebildeten Briefschaften. Dennoch waren Juden später in vielen anderen Branchen und Berufen erfolgreich vertreten.

 

Als Konvolut werden diese Belege eingerückt, da zu den meisten Adressen die ausführlichen Biographien fehlen. Dennoch steht es fest, das es sich um jüdische Menschen und ihre Firmen in unserer Stadt handelte, die in  vielen Fällen in den unseligen Konzentrationslagern ermordet wurden. Diese Menschen waren hilfreiche Glieder unserer Gesellschaft, emanzipiert, fleißig und angesehen bei der Bevölkerung. Es ist ein Glück, wenn Großeltern und Eltern noch über die jüdischen Menschen und ihre Geschäfte vor Ort berichten konnten, was in die Ausarbeitungen einfließt.  An diese Menschen erinnern die Ausarbeitungen, an Menschen, denen noch kein Stolperstein gewidmet wurde. 

 

 

 

Max Seligmann

 

Konfektion Markt 8 im vormals von D. Cosman belegten Haus.

 

Ausschnitt Braundruckkarte 1905.

 

 

 

Sonderpostkarte zur Jahrhundertwende mit 5 Pfg. Germania Reichspost, Lorbeerzweige

um den Wertstempel, Jahreszahl 1900 in der Sonne aus Wolken herausstrahlend.

 

Leseabschrift der Rückseite:

 

Herrn Gebr. Gottschalk Aachen

Recklinghausen, 19/1 1900

 

Ich gebrauche für eine größere Uniform - Lieferung ein größeres

Quantum schwarzes Tuch nur wollen Sie mir gfl. darin An-

stellung machen. Ich sah vor einiger Zeit bei Gumpertz in

Ruhrort eine Qualität á 3,75 von Ihnen. Sie sollen mir hiervon

gfl. eine Probe senden.  Achtungsvoll   Max Seligmann

 

 

 

Jüdisches Geschäft im Schatten von St. Peter mit roter Markise, bunte Karte 1904.

Foto: K.H. Mainczyk 2012

 

 

 

Jakob Studinski

 

Recklinghäuser Zeitung - Inserat Freitag 12. Juni 1908

 

 

Nachfolger von Max Seligmann wurde Jakob Studinski, Kaufmann, Markt 8 bis 1936.

Nachfolger 1937 – 1979 Wilhelm Kenkmann.

Das Haus gehörte Stern & Rosenberg aus Meinerzhagen.

Darin waren auch untergebracht das Korsetthaus Heineman,

geleitet von Gertrud Wurm geb. Heinemann, verh. mit Louis Wurm.

Sie führte das Geschäft bis 1939. Nachfolger war Maria Arns.

 

Im Zuge des Widerstandes gegen die französische Besatzung 1923 wurde Jakob Studinski

von einem französischen Militärgericht zu 20 Tagen Haft verurteilt.

 

 

Das billigste Kaufhaus für Arbeitergarderobe und Schuhwaren auf einer Ansichtskarte 1906. Hier kauften meine Großeltern für meinen Vater Pitschen. Immer freundlich vor dem Geschäft angesprochen vom Inhaber der Firma. Dem Geschäft von Studinski war ein recht langer Bestand gegönnt. Studinski mußte sich u.a. gegen die Fa. Cosmann behaupten.

 

Die Chronik berichtet euphemistisch/beschönigend, das Thekla und Jakob Studinski 1936 nach Berlin "gingen". Sie gelten seit dieser Zeit als verschollen. Es ist davon auszugehen, daß sie in einem KZ ermordet wurden. Ihr Geschäft wurde von der Firma Kenkmann Schuhe "übernommen".

 

 

 

 

 

 

Viermal Studinski Altbau: Oben links 1906 auf handkolorierter Ansichtskarte, rechts neben Studinski H. Melchior und Modewaren Werth. Linke Marktseite die Geschäfte Breidenbach Neuarbeiten/Reparaturen, daneben F. Vollbracht; Kolonialwaren, Kaffeebrennerei, Malerwaren, Farbwaren. Es folgt der Kaiser-Automat und anschießend das Gladbacher Waren-Depot mit dem Handelshof.

 

Oben rechts: Erweiterte Ansicht des Marktplatzes mit Studinski 1908. Vorne links das Hotel/Restaurant Maerkischer Hof mit dem Personal vor dem Eingang. Es folgt Albers. In dem heutigen Schankraum wurden damals Schuhe verkauft.

 

Unten links Markt mit Studinski und Straßenbahn. Neben Studinski nun Wenck & Co. Am rechten Bildrand ist das jüdische Konfektionshaus Cosmann (a.a.O.) zu erkennen.  Unten rechts nunmehr neben Studinski ein weiteres jüdisches Geschäft Herren-Moden Sally Urach, welches wohl Studinski nicht das Wasser reichen konnte und bald darauf aufgab. Modewaren Werth hielt sich dagegen noch eine Weile.

 

 

 

Studinski im Neubau Karte um 1920 - daneben Zeitungswerbung.

 

 

 

Althoff judenfrei

 

Aus Recklinghäuser Zeitung vom 3. April 1933

 

 

 

Breite Straße 15

Lange Jahre den Schuhen vorbehalten

 

 

Werbung des Schuhhauses Wallach, links Briefverschlußvignette,

rechts Anzeige im Adreßbuch der Stadt Recklinghausen von 1909.

 

 

 

 

Foto: K.H. Mainczyk 2008

 

 

Etwas abseits des Marktplatzes an der Einmündung Löhrhofstraße in die Breite Straße, gegenüber der Schwertfegergasse, war das Domizil des Schuhhauses Wallach. Die Ansichtskarte gibt den Blick frei auf das Haus Breitestraße 15 im Jahr 1905. Auf dem beigefügten Ausschnitt ist rechts das erste Althoff Geschäft abgebildet und etwas weiter einige fromme Juden.

 

Links am Lampengäßchen ist das alte Kaisers Kaffee Haus zu erkennen, später dann u.a. von einer Burgerkette genutzt. Heute ist das Haus mit seiner alten Bausubstanz und Fassade abgerissen. Wenn es die einfallslosen Abreißer mit ihren Irrwegen bei der Stadtbaukultur in unserer Stadt nicht gegeben hätte, wären wir das Rothenburg Westfalens. Das es anders geht, zeigt der Artikel in "Recklinghausen Attraktiver" Seite 7  Herbst/Winter 2010  "Alles nur Fassade". Das Haus Kunibertistraße 11 wurde zweimal, 1856 und 1982, unter Erhaltung der Fassade abgerissen. Daß das mit den heutigen technischen Mitteln am alten "Kaisers Kaffee Haus" nicht möglich war, läßt nur ungläubiges Staunen zu und bedarf mehr als nur Hinterfragung.

 

Ansonsten ist nicht mehr viel übrig geblieben von der alten Herrlichkeit des Hauses Nr. 15 und seiner Nachbarhäuser. Althoff wich nach Cosmann am Markt aus. Hinter dem Althoffbau breiteten sich die Recklinghäuser Zeitung und später Weiser mit Neubauten aus. Doch das ist alles längst Geschichte.

 

Rechts Farbfoto mit Blick auf das Haus Breite Straße 15 auf Höhe ehemals Alsberg/Weiser/Sinn. Der Zahn der Zeit und "Renovierungsversuche" haben ihre Spuren hinterlassen. Das Haus wird nicht mehr als Schuhhaus genutzt .

 

 

 

 

Ein weiteres Schuhgeschäft im Haus Breite Straße 15,

 Fa. Gebr. Goldblum mit der Marke Edox.

 

Werbeanzeige Recklinghäuser Volkszeitung vom 3. Mai 1934,

gerade in der Zeit des beginnenden Juden-Boykotts.

 

 

Der Fa. Goldblum folgte das Schuhhaus Köller (s. Abb.), dann Bernauer,

welches wiederum vom Schuhhaus Lenz übernommen wurde.

 

Die Fa. Lenz verbrauchte aus Sparsamkeitsgründen nach dem Krieg

die Firmenumschläge Bernauer und versuchte mit einem Balken

den Vorgänger unkenntlich zu machen.

 

                                                     Köller Werbung 1935-rechts National Zeitung Palmsonntag 21. März 1937

 

 

 

 

Schuhhaus Bernauer Nachfolger Schuhhaus Lenz

 

 

 

Vordruckfensterbrief des ehemaligen Schuhhauses Bernauer,  nunmehr aufgebraucht durch die Nachfolger Lenz KG. Mangels Briefmarken wurde die Postgebühr von 42 Pfg. für das Einschreiben bar vereinnahmt und mit dem Stempel Gebühr/bezahlt bestätigt. Auf der Rückseite wurde der Eingangsstempel Hattingen Ruhr abgeschlagen, da sich die Gewerkschaft AURORA im Landzustellbereich befand.

 

 

 

Moses Sternberg

 

 

Posteinlieferungsschein für einen Einlieferer aus Ostinghausen,

heute ein Ortsteil von Bad Sassendorf.

Einkreisstempel mit Gitterbogen Soest vom 6.2.18 über einen Brief

an die Wwe. Moses Sternberg in Recklinghausen.

 

 

 

Die Zeitungsanzeige verrät die ganze Ahnungslosigkeit der jüdischen Menschen.

Die wenigsten wollten an einen langen Bestand des braunen Spuks glauben.

Darum die mit Zuversicht gestaltete Werbung.

 

 

   

Blick in die Steinstraße um 1905. Rechts hinter der Gymnasialkirche die Buchhandlung Winkelmann,

dahinter das Haus Steinstraße 4, in dem Jakob Feuerstein 1934 sein Geschäft führte.

Rechts ein Bild des Hauses Steinstraße 4  im Jahr 2008.

Foto: K.H. Mainczyk 2008

 

Jakob Feuerstein wurde 1888 geboren und war verheiratet mit Berta geb. Glattstein.

Sie hatten zwei Kinder, Isbert geb. 1924 und Helmut, geb. 1928. Die ganze Familie mußte

1939 zwangsweise nach Polen. Kein Stolperstein, kein Hausanschlag erinnert

an die Familie Feuerstein, die im KZ ermordet wurde.

 

 

 

Recklinghäuser Konzertdirektion Stern

 

 

Der 1892 geborene Samuel Hermann Stern war Pianist bei Stummfilmvorführungen im Apollo-Theater am Markt

(heute Commerzbank) und ab 1925 Geschäftsführer der Vereinigten Lichtspiele in Recklinghausen (Apollo-Central-Schauburg).

Er war mit Elisabeth Schütz, einer Prostestantin, verheiratet. Die Nazis verschleppten den Juden Stern ins Arbeitslager,

aus denen er erblindet zurückkehrte. Sein Sohn Alfred unterstützte den Vater fürderhin bei der Arbeit.

Die Veranstaltungsdirektion hatte ihren Sitz im Saalbau. Sie engagierten 1949 Zarah Leander und Michael Jary

mit seinem Filmorchester während deren Deutschland-Tournee für einen Auftritt im Saalbau (s. Abb.).

Diese Veranstaltungsreihe fand großen Anklang. Samuel Hermann Stern verstarb 1963.

 

 

 

Quellen

Jüdische Heimat im Vest Schneider

Französische Besatzung 1923 Klenke/Schnitzler

Pogrom 1938 -  2001 zu Stern

RZ vom 30.9.2010

Belege Eigenmaterial