Anti-Judenbewegung und Pogrome

 

Es war ein Arzt, der die Ursachen der Anti-Judenbewegung ergründen wollte. Die russischen Pogrome vom psychiatrischen Standpunkt anzusehen, das war das Originelle bei dem Odessaer Arzt Juda Löb (Leon) Pinsker. Pinsker erlebte die Schrecknisse der russischen Pogrome von 1859, 1871 und 1881. Er spürte, daß diese Pogrome eigentlich nicht wirtschaftlich oder politisch bedingt waren. Pinsker empfand sie jedenfalls mehr als einen Ausbruch der Angst. Angst vor dem Dämon Jude.

 

„Die Menschen fürchten sich immer vor einem Geist ohne Körper,

vor einer Seele, die herumwandert, ohne eine greifbare Hülle zu haben.

Und Furcht erzeugt Haß...

So ist der Haß gegen die Juden ein Ausfluß der Dämonenfurcht“.

 

Und heute? Hat sich da etwas geändert? Wen fürchten wir? Wahrscheinlich keine Dämonen wie Leon Pinsker es ausführte, doch sicherlich alles, was nicht transparent ist, eben:

 

"Gruppen, die sich der Umwelt verschließen, die jeglichen Willen zur Öffnung vermissen lassen: Fundamentalisten, Lobbyisten, Orthodoxe und Rassisten, die nur sich anerkennen, die ihr Gegenüber benutzen und sich nicht integrationsfähig und identifikationsunwillig zeigen; Menschen, die nur nehmen und nicht geben;  korrumpierte Verbindungen, Seilschaften, die Schlüsselstellungen besetzen und uns mit ihrer Vernetzung  Angst einflößen".

 

Nur ein grundgütiger Mensch, wie es Leon Pinsker war, konnte auf den Gedanken kommen, die Taten seiner, seines Volkes Feinde im Lichte der „Dämonenfrucht“ zu sehen, sie gewissermaßen auf diese Art zu entschuldigen.

 

Eine Welt, die immer mehr zusammenrückt, muß transparent und mit Vertrauen besetzt sein. Vertrauen ist jedoch keine einseitige Angelegenheit. Fehlt das Vertrauen, bleiben alle menschlichen Abgründe bestehen. Angesagt ist aber die Öffnung der Sphären als besondere Aufgabe dieser Zeit und das Verständnis für den Anderen. Es geht nur, wenn man sein Gegenüber kennt und man einander berechenbar ist.

 

Bei allen menschlichen Schwächen:

Brüderlich wird nur derjenige handeln, der gerecht behandelt wird.  Fehlt die gerechte Behandlung, kommt zuerst die innere, dann die äußere Verweigerung. Denn Ungerechtigkeit ist der Anfang vom Ende aller menschlichen Bemühungen für ein gedeihliches Zusammenleben.