Flugplatz  Wanne - Herten

1912 - 2012

 

 

 

Luftfahrtgeschichte an Rhein - Ruhr

 

Die Idee zur Einrichtung eines Flugplatzes auf Hertener Gebiet gab der Besuch  eines  Parsevalluftschiffes  im  Ruhrgebiet und seine Landung am 20. Juli 1911 in Wanne. Es handelte sich um ein unstarres Pralluftschiff des Erfinders August von Parseval (1861 – 1942). In knapp zwei Jahren jährt sich der Gründungstag des Flugplatzes. Im Vorgriff darauf stelle ich meine erweiterte Ausarbeitung ( Erstveröffentlichung von 2000) hier  einem breiterem Publikum vor. Einleitend ein Lageplan und die amtliche Beschreibung des Flugplatzes.

 

Karte mit Flugplatzgelände März 1912

 

 

 

 

 

 

Der Flugplatz

Die Begeisterung war groß. Am 17. März 1912 schlossen sich  politische Gemeinden und Privatpersonen zur Gründung der „Rheinisch-Westfälischen Flug- und Sportplatzgesellschaft mbH“ zusammen. Die Fläche für den Flugplatz (s. Übersichtsplan Gemeinde Herten) wurde für 30 Jahre angepachtet. Erweiterungsmöglichkeiten bis auf  250 ha wurden eingeplant. Vorsitzender des Aufsichtsrates der neu gegründeten Gesellschaft war der Beigeordnete Weiberg aus Wanne, sein Stellvertreter der Hertener Amtmann  von Kleinsorgen. Andere Mitglieder des Aufsichtsrates aus Herten: Gemeindevorsteher Volmer, Amtsbaumeister Heckmann, der die aufgeführte Beschreibung des Flugplatzes fertigte, Bankvorsteher Winter, Rentmeister Echtermeyer, Graf Droste zu Vischering von Nesselrode Reichenstein und der praktische Arzt Dr. Loewenstein.

 

 

Das Luftschiff "Charlotte" über der Tribünenanlage.

Die Karte datiert vom  15. Oktober 1912.

 

 

In rund 2 Monaten waren die Vorbereitungsarbeiten für die Inbetriebnahme des Flugplatzes erledigt. Es mußten rund 200 Morgen (ca. 50 ha) Wald abgeholzt werden, 40 000 mBoden wurden bewegt und entwässert. Das Gelände wurde eingefriedet. Dazu kamen die Gebäude für Flugschulen, Verwaltung, Restaurant, Post und Telegraphie und eine Tribüne für 1000 Zuschauer, sowie die transportable Luftschiffhalle für das Parsevalluftschiff.  Das Luftschiff  P.Z.12 hatte zwei Motoren mit je 125 PS und einen Rauminhalt von 9600 m3

 

Der Flugplatz Wanne–Herten wurde am 26. Mai 1912, am 1. Pfingsttag, eröffnet. Dazu hatten sich rund 50.000 Zuschauer eingefunden. Sie wurden Zeugen des ersten Luftschiffaufstiegs auf Hertener Boden. Zahlreiche Ehrengäste waren ebenfalls anwesend, u.a. der Oberpräsident der Provinz Westfalen, Prinz von Ratibor und Corvey und die Erbprinzessin Charlotte von Sachsen-Meiningen, die das unter ihrem Namen fliegende Parseval-Luftschiff taufte. Die Worte der Prinzessin waren  von pathetischer Weite: „Von der Stätte der Arbeit unter der Erde wenden wir uns mit Dir den neuen Wegen rastlos fortschreitenden Geistes zu; Du sollt von der Erde zu klarem Äther aufsteigen und stets glücklich landen. Gehst Du gen Süden, so besuche mich als Deine Patin. Ich taufe Dich Charlotte!“

 

 

 

Die Fotokarte zeigt Baronin von Leitner

in einem L.V.G. Doppeldecker auf dem Flugplatz Wanne-Herten.

 

Die Karte wurde mit Grüßen zum 1. Pfingstfeiertag geschrieben mit der Anmerkung:

"...einsam angelegter Flugplatz hier.". Der Poststempel datiert vom 27. Mai 1912,

einen Tag nach Eröffnung des Flugplatzes.

Die Grüße gingen nach Spandau bei Berlin in die Pichelsdorferstraße.

 

Die Luftverkehrsgesellschaft (LVG) wurde 1908 in Berlin gegründet als Unternehmen

für Passagier- und Reklamefahrten mit Parseval-Luftschiffen.

Ab 1911 begann man auch mit dem Flugzeugbau. Die LVG baute bis 1918

vor allem zweisitzige Schul- und Aufklärungsflugzeuge.

 

 

Die Morane war ein französisches Flugzeug,

welches im 1. Weltkrieg als Jagdflugzeug eingesetzt wurde

und 1912 in Herten-Wanne Station machte.

 

 

 

Obwohl Einrichtungen für Post- und Telegraphie auf dem Flugplatz eingerichtet wurden,

sind ausschließlich privat gefertigte Ansichtskarten bekannt.

Ein Poststempel mit Hinweis auf den Flugplatz ist nicht bekannt.

 

 

Ansichtskarten aus dem Jahr 1912

 

Ansichtskarte aufgegeben in Wanne nach Dresden mit umfangreichem Text.

 

Böiger Wind jedoch verhinderte jegliche Flugtätigkeit. Weitere Flugtage am 27. und 28. Mai 1912 waren aber mehr vom Wetter begünstigt. Zahlreiche Flieger stiegen auf und zeigten den Zuschauern Kunststücke. Auch das Luftschiff Charlotte unternahm reichlich Rundfahrten. In der Folgezeit fanden zur wirtschaftlichen Sicherung der Fluganlage laufend Flugzeug- und Luftschiffaufstiege statt. Einige Flugzeugfabriken hatten Niederlassungen auf dem Gelände errichtet. Diese wirkten als belebende Anziehung für die Besucher. Sichergestellt war dadurch aber noch lange nicht die Rentabilität des Flugplatzes.

 

  

„Umstehende Aufnahme hat Erich am Flugplatz Wanne-Herten gemacht.

Hier wird heute geflogen...“ So ein Teil des Postkartenberichts aus März 1913.

 

 

Dazu kam die erhebliche Konkurrenz des in der Nachbarschaft entstandenen Flugplatzes in Gelsenkirchen-Rotthausen. Rotthausen wurde am 25. Mai 1912 eröffnet.  Der Bau des Sportflughafens kam auf Initiative der Westdeutschen Fluggesellschaft mbH zustande, an der die Städte Gelsenkirchen, Essen und die Gemeinde Rotthausen beteiligt waren.  Der Flugplatz und seine Einrichtungen waren großzügig bemessen. Es gab eine feste Zuschauertribüne, ein Fliegerheim, einen Verwaltungstrakt und drei große Flugzeughallen. Ein weiterer Revierflughafen wurde am 30. Juni 1912 in Duisburg-Neuenkamp eröffnet. Auf diesem Gelände hatten die Flugpioniere Strack schon Monate zuvor ein Flugzeugwerk und eine Pilotenschule aufgebaut. Flugwochen sind in den Kindertagen der Luftfahrt in allen Revierstädten ein beliebtes Freizeitvergnügen. Am 12. Juli 1914 beginnt auf dem Flugplatz Gelsenkirchen-Rotthausen die Flugschau „Industriegebiet 1914“.  Militärische Aufklärungsflüge und Flugzeugrennen nach Duisburg bilden den Rahmen. Mutige Zuschauer können mitfliegen. Bei dieser Gelegenheit erreicht erstmals eine deutsche Frau mit einem Flugzeug die beachtliche Höhe von 3750 Metern.

 

Die große Anziehungskraft des Flugplatzes Herten-Wanne durch das Parsevalluftschiff „Charlotte“ hielt nicht lange vor. Undicht war die Hülle des Luftschiffs und es gab Defekte an den Propellern. Das Gerät war nach kurzer Zeit nicht mehr flugtauglich. Man könnte auch ironisch sagen, das Luftschiff war gut, besonders gut für den Hersteller. Die Reparaturen konnten von der Gesellschaft nicht getragen werden. Erwartete staatliche Subventionen blieben ebenso aus wie die Anerkennung als Verbandsflugplatz. Die optimistischen Wünsche des Amtsbaumeisters liefen mehr und mehr ins Leere und die Rentabilität verschlechterte sich durch den Ausfall der „Charlotte“ immer mehr. Es mußten immer wieder neue Einschränkungen vorgenommen werden, wodurch jeglicher Anreiz für das Publikum zu einem Besuch des Flugplatzes verloren ging. Das Ende nahte unverzüglich. Im Sommer 1916 stand der Konkurs an und die Auflösung der  Rheinisch- Westfälischen Flug- und Sportplatzgesellschaft.

 

Die Zeit nach der Flugplatzschließung

Luftfahrerwerbewoche 1934 Einladung

 

Kleynmanns Führer der Flieger-Ortsgruppe

 

Nach dem ersten Weltkrieg versuchte man, an die Attraktion des Flugplatzes anzuknüpfen. Bei der Festsetzung des Verbandsplanes durch den Siedlungsverband Ruhrgebiet im Jahre 1921 stand zur Diskussion, den Flugplatz durch Ausweisung im Verbandsplan wieder seiner früheren Bestimmung zuzuführen. Die Gemeinde Herten verzichtete auf die Ausweisung aus vielerlei Gründen. Damit war das Schicksal des Flugplatzes endgültig besiegelt. Die Hallen wurden abgebaut und verschrottet. Ein Teil der Tribüne diente dem Bauer Schmauck bis die 1950er Jahre als landwirtschaftlicher Wirtschaftsraum.

 

 

 

 

 

 

Flugbucheintragungen 1943/44

 

 

 

In späteren Jahren wurde auf dem Gelände ein Segelflugplatz eingerichtet (siehe den tendenziellen Zeitungsbericht), den das Nazi-Regime zur Kampfflieger-Ausbildung nutzte. Auch noch in den Nachkriegsjahren wurde der Platz fliegerisch genutzt. Gefeiert wurde im Zusammenhang mit der Fliegerei auch, wie die abgebildete Einladung der Flieger-Ortsgruppe Vest belegt. Nach Einstellung des Betriebes nutzten späterhin dann Modellflieger dieses Gelände. Heute befindet sich dort eine Müllverbrennungsanlage, die Flieger einer anderen Art in die Luft entläßt.

 

 

 

Quellennachweis

 

Bebilderung: Eigenmaterial Slg. Flugplatz Wanne-Herten

Chronik des Ruhrgebietes WAZ Ausgabe

Chronik des 20. Jahrhunderts Chronik Verlag

Hertener Allgemeine Zeitung

Stadtarchiv Herten

 

Erstveröffentlichung 2000

© 2000

 

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