Salomon Speyer  Haltern

 

 

 

Die seit dem Mittelalter meist einseitig auf Handel, Schächten und Schlachten ausgerichteten Berufsstrukturen waren ein Folge der gesellschaftlichen Beschränkungen, denen die Juden unterworfen waren. Erst als die Vorrechte der Zünfte  in Preußen 1810/1811 aufgehoben wurden, öffneten sich andere Berufszweige für die Juden. Auch im Großherzogtum Berg, also im Vest Recklinghausen, wurden zu dieser Zeit die Gildenbücher abgeschafft. Dennoch hielten sich diese beiden Sparten noch weit über die Einführung der Gewerbefreiheit hinaus. Später ist das Spektrum der Berufe vielfältiger.

 

Zu vielen Adressen fehlen ausführlichen Biographien. Dennoch steht  fest, daß es sich um jüdische Firmen in unseren Kreisstädten handelte, deren Eigentümer, Inhaber oder Nachkommen meist in den unseligen Konzentrationslagern litten oder ermordet wurden. Diese Menschen waren hilfreiche Glieder unserer Gesellschaft, emanzipiert, fleißig und angesehen bei der Bevölkerung. Es ist ein Glück, wenn Eltern noch über die jüdischen Geschäftsleute vor Ort berichten konnten. An diese Menschen erinnern die Ausarbeitungen, an Menschen, denen noch kein Stolperstein gewidmet wurde. Sie haben es verdient, in Erinnerung zu bleiben.

 

Der Name Speier/Speyer ist für Haltern über einige Jahrzehnte im Wollhandel bekannt. Es waren für die damalige Zeit weit gereiste Juden, die in viele Landesteile geschäftliche Beziehungen hatten. Namentlich erwähnt sind hier der Salomon Speyer ab 1835, der Moses Speyer 1846 und zum Schluß ab 1854 die selige Witwe Speyer, für die der  L. Speyer reiste. Die Witwe wird als Gastgeberin erwähnt. Gastgeberin war in damaliger Zeit eine Gastwirtin, die in diesem Bereich auch für die Jüdische Gemeinde tätig wurde. Nachfolgend werden die Korrespondenzen in der Reihenfolge ihrer Verwendung abgebildet. Leseabschriften sind angefügt. Diese vermitteln einen Einblick in die Geschäfte und in das Geschäftsgebaren dieser Zeit.

 

 

Speyer Korrespondenz Crefeld - Haltern

Tuchhandel

  

  

In rot  austaxierter Brief,  für bezahltes Porto , von Crefeld, heute Krefeld, nach Haltern an S. (Salomon) Speier.

Als Aufgabestempel diente der kleine preußische Einkreisstempel, auch besser als Fingerhutstempel bekannt.

Absender war J. H. Hipp.

 

 

Wortgetreue Leseabschrift

 

 

 

Herrn S. (Salomon) Speyer in Haltern

Crefeld den 11ten Janr 1836

 

Ihr wertes Gestriges (Schreiben) erwiedernd, kann ich mich nicht darauf einlassen, nicht mehr als 200 Pfd. kurze Wolle aus den gesandten 5 Ballen auszuwerfen, indem ich Ihnen bei Ihrem

Hiersein ausdrücklich bemerke, dass ich durchaus keine

kurze wolle gebrauchen könnte. Ich kann nicht wissen

wie die wolle sich in den Ballen befindet, indessen

glaube ich, nach demjenigen was ich ausgepackt habe, daß

ich die Hälfte nur gebrauchen kann. Daher bitte ich

Sie nochmals, mir entweder zu erlauben, daß

ich die Wolle, ohne Angabe des Quantums, aussuchen kann

oder darüber gleich zu verfügen, indem ich keinen Raum habe,

um sie länger zu verwahren, andernfalls muß ich dieselbe

für Ihre Rechnung einem hiesigen Spediteur auf Lager

geben. - Sie haben mir auch noch nicht das Gewicht

der wolle, welches Sie abgesandt haben, aufgegeben.

Ihre Antwort umgehend erwartend grüßt

J.H. Hipp

 

 

 

 

Korrespondenz aus dem Königsreich Hannover

Honighandel

 

 

Brief an S. (Salomon) Speyer, nunmehr mit einem "y",  in Haltern vom 16. Nov. 1846, vielfach austaxiert. Meppen gehörte von 1816 bis 1866 zum Königreich Hannover. Post ins Königreich Preußen wurde mit einem Einzeiler "Porto v:Lingen" gekennzeichnet. Lingen war das Auswechslungspostamt, bei dem die preußische Taxberechnung für Posten aus anderen Postgebieten einsetzte.

 

Wortgetreue Leseabschrift:

 

Herrn S. Speyer Haltern

 

Da hier mangel an waßer ist und

keine Schiffe* gehen können ! und ich

forgezogen habe den Honig im Nowbr zu

schicken neulich  die 5000 ≠ nach Münster

schreiben Sie mir u. insgesamt wie Sie es

damit wünschen ! und wie lange zeit

ich damit habe, der Honig liegt schon

längst fertig, und ferliere geld an

Sie auf ehre ! ich grüße freundlich

wie auch vater & mutter

ergebenst

 

Israel Alexander

M Alexander

 

*Niedrigwasser auf der Ems

 

 

 

 

Korrespondenz aus Lingen

Tuchhandel - Weißgerberwaren*

 

Wie aus der Adresse ersichtlicht ist,

war Salomon Speyer zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.

Firmiert wurde weiterhin unter S. Speyer.

 

 

Hannover-Markenbrief von Lingen  vom 20.6.1854 an Herrn S. Speyer sel. Frau Wwe. nach Haltern bey Münster - frey.

Frankiert ist der Brief mit einer 1/15 Th. Marke schwarz/grauultramarin mit glattem Wertschild, Ausgabejahr 1851.

Das entsprach 2 preußischen Silbergroschen (Sgr.). Entwertet wurde die Marken mit einem kleinen hannöverschen Einringstempel.

Die bei der hannöverschen Post vorgeschriebene Stempelfarbe war blau. Die preußischen Poststempel auf der Rückseite dagegen

sind in schwarzer Farbe abgeschlagen, einmal der nicht oft anzutreffende Nierenstempel von Münster und zum anderen der Ausgabestempel

von Haltern, beide vom 21.6.1854. Schneller bestellt es die Post AG rund 150 Jahre später auch nicht.

 

 

Absender war der Johann Gerhard Carl Hülsebusch. Von Beruf Kaufmann und Weißgerber zu Lingen, geboren 1798 und gestorben am 4. Februar 1873 in Lingen. Die Firma wurde am 23. März 1865 unter dem Firmennamen G.C. Hülsebusch, Niederlassung Lingen, ins Handelsregister eingetragen.

 

*Weißgerbung/Mineralgerbung - Alaungerbung  von Leder

 

 

 

Die seit vielen hundert Jahren durchgeführte Weiß- bzw. Alaungerbung wird mittels Alaunsalze oder Aluminiumsalzen, die hier als Gerbstoff dienen, durchgeführt. Das Verfahren ist völlig ungiftig und umweltschonend und daher für alle Fellarten einsetzbar. Die Alaungerbung erhält das natürliche Aussehen des Felles und ergibt weiches und weißes Leder. Die Felle sind sehr langlebig,

können jedoch durch Feuchtigkeit, z.B. Waschen, hart werden.

 

 

 

Haltern - Elberfeld

1857

 

 1 Silbergroschen schwarz auf rosa für Briefe bis

10 Meilen Entfernung, Kopfausgabe Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861),

entwertet mit einem Ringnummernstempel 576 von Haltern,

beigesetzt der Kastenstempel ohne Jahresangabe mit Aufgabezeit A für abends.

Rückseitig ist der Ausgabestempel Elberfeld vom 26.9. abgeschlagen.

Der Brief wurde einen Tag nach Aufgabe zugestellt.

 

Absender war sel. Wwe. Speyer,

die den Brief 1857 nach Elberfeld sandte.

 

 

Korrespondenz aus Meppen

Einkaufstour

 

Adressiert wurde der Brief an: S. Speyer seel. Wwe. in Haltern a.d. Lippe bei Münster. "Bei Münster" ist wohl eine leichte Untertreibung,

waren es doch ca. 6 1/2 preußische Meilen, also fast 45 km von Münster nach Haltern. Der Brief aus dem Jahr 1857 ist frankiert mit einer 1/15 Th. Marke

gemustertes Wertschild mit weitmaschigen Netzwerk. Das Netzwerk als Unterdruck auf den Marken diente als Fälschungsschutz.

Auf der Rückseite abgeschlagen zwei dreizeilige Bahnoststempel, einmal Emden-Hannover in hannöverschblau und einmal

der preußische Bahnpoststempel in schwarz der Strecke Münster-Hamburg sowie der Ausgabestempel des Postamts Haltern.

Absender war Moses Speyer z. Zt. in Meppen, der sich auf einer Einkaufsreise befand.

 

Quellen

 

Anderson, Hans-Joachim: Die Bezeichnung der Poststempelformen

Grobe, Hans: Altdeutschland Spezialkatalog und Handbuch 1975

Marbach: Die Preußischen Aufgabe- und Nummernstempel 1936

Michel Deutschland - Spezial Katalog - Halterner Zeitung 2009

Thalmann, Friedrich Wilhelm: Zusammenstellung der Preußischen Poststempel

nach Form und Zeitfolge, Verlag Robert Noske 1925

Ausstellungskatalog „175 Jahre Kreis Recklinghausen“ 1991

Ausstellungskatalog „Vest-Brief 2000“