Die Emanzipationsbestrebungen der Juden in Preußen

 

 

Geschichtliches

 

Die schon früher in Angriff genommene  "Emanzipation der Juden in Preußen" wurde vom  preußischen Staatsmann Karl August von Hardenberg durchgeführt. Bald nach seinem Amtsantritt  beauftragte er, veranlaßt durch eine Petition der Berliner Judenschaft, einen Entwurf über die Gleichberechtigung der Juden abzufassen ("Edikt über die künftigen Verhältnisse der Juden" vom Februar 1811). Nach Anhörung von christlichen und jüdischen Sachverständigen (u.a. David Friedländer) wurde die dann formulierte  Fassung in einem königlichen Edikt vom 11. März 1812  als "Edikt betreffs die bürgerlichen Verhältnisse der Juden" publiziert. Die Emanzipationsbestrebungen der Juden in Preußen fanden hier ihren ersten bedeutsamen Niederschlag.

 

Einschränkungen waren aber auch hier enthalten. Der preußische   König  behielt sich in § 9 des Ediktes vor, Juden zum Staatsdienst zuzulassen. Das Edikt von 1812 aber ermöglichte die Ansässigkeit und damit verbunden, den Erwerb des Bürgerrechts. Allerdings mit dem Ausschluß vom Staatsdienst und Einschränkungen im Heeresdienst. Nicht in allen Provinzen Preußens wurde dieses Edikt angewandt. Erst 1847 wurden die Juden in der neuen preußischen Provinz Posen den Juden im übrigen Preußen gleichgestellt. In Westfalen gelang es den Juden, die 1815 beim Wiener Kongreß verlorenen Rechte im zähen Kampf  1845 wiederzugewinnen.

 

Um 1850 lebten in Preußen rund 200 000 Juden, die sich als gesetzestreu im traditionellen Sinne betrachteten. Der Apostat (Abtrünniger) Friedrich Julius Stahl aber setzte das Dogma in die Welt, daß „deutsch“ synonym mit „christlich“ sei. Darum wollten die meisten Juden nicht als „jüdische Deutsche“ gelten, sondern als loyale Söhne des Vaterlandes mosaischer Religion oder als treue Untertanen der jeweiligen Landesherren. Löw Baruch, besser bekannt unter seinem späteren Namen Ludwig Börne, war z.B. einer der Teilnehmer beim Hambacher Fest 1832. Diese Freiheitsbestrebungen wurden nicht alt. Schon 1835 verboten die Regierungen der deutschen Staaten u.a. die Bücher Heinrich Heines und die von Ludwig Börne. Loyalität nutzt nichts, wenn Vorurteile Bahnbrecher sind.

 

„ICH bin kein Feind der Juden.

ICH liebe sie sogar unter Umständen.

ICH gönne Ihnen auch alle Rechte, nur nicht das,

in einem christlichen Staate ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden...

ICH gestehe ein, daß ich voller Vorurteile stecke;

ICH habe sie mit der Muttermilch eingesogen... “.

 

Otto von Bismarck im Vereinigten Landtag über die Juden

 

Bismarck hätte sich gegenüber einem Juden, dem er gehorchen sollte, tief niedergedrückt und gebeugt gefühlt bei der Erfüllung seiner Staatspflichten. Die bismarckfreundlichen Mythologen (Sagen- und Götterkundler) täten nachgerade wohl daran, sich auch einmal dieser bismarckschen Töne anzunehmen.

 

Die gebildeten Klassen des deutschen Kaiserreiches aber fanden ihren politisch-völkischen Antisemitismus in den Aussagen des sächsischen Geschichtsprofessors Heinrich von Treitschke. In seinen Reden  bezeichnete er „den Juden“  als Träger der von ihm gehaßten demokratischen Ideen und als Rädelsführer der Sozialdemokratie, dieser „bestialischen Pöbelbewegung, die das gottgewollte deutsch-christliche Konzept von Herren und Untertanen“ störe. Den Nachhall dieser Worte spürt man bis heute, sind doch Juden nun mehr in gegenströmigen Verbindungen zu Hause.

 

Zurechtgewiesen wurde Treitschke vom Nestor der deutschen Historiker, Theodor Mommsen:“ ... und bin ich überhaupt der Ansicht, daß die Vorsehung  weit besser ... begriffen hat, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent Israel beizusetzen waren“. Die von ihm angesprochene Ausgestaltung in Prozent lag und liegt eher vier Punkte hinter dem Komma im Promillebereich. Integration (Vereinigung) ist eben auch eine Angelegenheit des Willens. Da wollen viele Gruppen gemäß ihrer Glaubensbindung unter sich bleiben. Das ist wenig verständlich und noch weniger förderlich.

 

Die deutsche Sozialdemokratie z. B. ist in ihren Wurzeln geprägt von Juden. Allen voran der Begründer der Bewegung Ferdinand Lassalle (1825-1864). Der Philosoph Karl Heinrich Marx (1818-1883) hinterließ tiefgreifende Spuren im politischen Spektrum. Populärster Arbeiterführer Berlins war der Damenmäntelfabrikant Paul Singer (1844-1911). Ein führender Ideologe der Sozialdemokratie war Eduard Bernstein (1850-1932), schärfster Gegner des Marxschen Klassengedanken. Rosa Luxemburg steht ebenso in dieser Linie. Die Personenreihe ließe sich beliebig fortsetzen.

 

Alles Streben für das gemeinsame Vaterland nutzte wenig. Der Antisemitismus fand seinen schmählichen Höhepunkt in der unseligen Zeit von 1933 – 1945.

 

Die Lehre aus der Vergangenheit heißt: „Erinnerung!“.

 

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