Coppenrath &Co

Walkmühle in Grull

 

 

 

 

Weit verbreitet war im westfälischen und vestischen Raum um 1840 die Linnenverfertigung. In fast jedem Haus surrte ein Spinnrad. In den Bauerschaften standen Webstühle.  Die Leinenweberei war in den Tagelöhnerfamilien und bei den Köttern als Nebenbeschäftigung ausgeübt worden. Diese füllte die winterliche Zeit aus und brachte zusätzlichen Verdienst. Der Anbau von Flachs im Vest geschah meist für die eigenen Bedürfnisse. Zum Bleichen brachten die Recklinghäuser ihre Leinwand nach Haus Niering in Speckhorn oder in die Lippewiesen.

 

Der Gebrauch der handgesponnenen Leinwand für den Verkauf nahm dann rapide ab, als Fabrikware in den Läden billiger zu haben war. Cosmann am Markt (a.a.O.) bot u.a. 1848 Münsterländer Leinwand an. Andere Firmen aus den ostwestfälischem Raum versuchten hier vor Ort neben den ansässigen Firmen auch Fuß zu fassen.

 

 

 

Austaxierter Brief mit Stahlstich-Faktura nach Amsterdam an die Herren Gebr.Voß.

Aufgesetzt ist ein Zweikreisstempel ohne Jahr Recklinghausen vom 9.3.(18)48.

Rückseitig ein roter holländischer Grenzübergangsstempel "Pruissen/A".

Des weiteren ein roter Eingangsstempel Amsterdam vom 10.3.

Die Laufzeit des Briefes war also ein Tag. Heute geht es auch nicht schneller.

 

 

 

Die Walkmühle in Grull

 

Die alte Walkmühle geht auf das Jahr 1561 zurück. Sie wurde von den Amtsmeistern der Wollenweber angelegt und per Pacht an die Stadt Recklinghausen betrieben. 1797 wurde die Walkmühle für 700 Taler an die Stadt Recklinghausen verkauft. Die Tuchmacherzunft hatte sich aber einen geringen Walklohn  für jedes Stück Tuch, ob grob oder fein, ausbedungen.

 

Die Mühle wurde von der Stadt von Grund auf neu erbaut. Das Anwesen bestand aus Mühle, Wohnhaus und Scheune. Wegen geringer Rentabilität mußte die Stadt die in eigener Regie betriebene Walkmühle ab 1805 für 25 Jahre an Konrad Stein aus Duisburg verpachten. Späterhin wurde dann u.a. noch ein Erbvertrag mit Adolph Wicking jun., Tuchfabrikant aus Recklinghausen, geschlossen.

 

Von 1815 bis 1855 ist ein Bevölkerungszuwachs in Recklinghausen von über 60 % festzustellen. Als Hauptgrund werden die gebesserten wirtschaftlichen Verhältnisse angegeben. Das sonst völlig menschenleere Bruch begann sich langsam zu besiedeln.

 

1834 erwarben  die Walkmühle dann die Brüder Franz und Joseph Coppenrath aus St. Mauritz vor den Toren Münsters. Coppenrath war ein weit verzweigtes Geschlecht im Münsterland und den angrenzenden Gebieten. In St. Mauritz und Münster erinnern noch heute Straßennamen an diese Familie. Die Menschen fanden so auch bei Coppenrath in Grull Anstellung.

 

 

Postgebühr ab 1.1.1868 Norddeutscher Postbezirk

Portostufe für Briefe bis 1 Loth bzw. 16 ⅔  Gramm für Inlandsbriefe.

Auslandsbriefe durften nur 1 Loth/15 Gramm wiegen.

 

Kastenstempel Olfen auf gezähnter "Ein Groschen" Marke Norddeutscher Postbezirk für den nördlichen Bezirk

mit Talerwährung von 1869. Rückseitig der Ausgabestempel Recklinghausen 19.12.

 

Kastenstempel Datteln auf blau (unfrei) austaxiertem Paketbegleitbrief, dem Vorläufer der heutigen Paketkarte

mit einer Geldeinlage über 2 Talern 5 Silbergroschen. Handschriftlicher Vermerk "Beifolgend LWA 208"

als Hinweis auf das Paket. Paketklebezettel mit Ortsvordruck, rückseitig Ausgabestempel Recklinghausen vom 12.10.

 

 

 

Zweikreisstempel mit Jahresangabe Gütersloh 14/2/71 8-12N

für die Nachmittags- bzw. Abendaufgabe des Briefes 

auf gezähnter "Ein Groschen" Marke Norddeutscher Postbezirk

für den nördlichen Bezirk mit Talerwährung von 1869.

 

 

Leseabschrift:

  

Herrn Coppenrath & Co Bruch

 

Gütersloh d.14. Febr. 1871

 

In Besitz Ihrer Werthen (Schreiben) vom 31 & 12 d.Mts.

hatten wir bei Empfang des letzteren unsern Vorrath gestreifter Längen für Sie verladen, obschon uns, angelegen darüber mit Rechnung aufzuwarten, deren Zulauf Rthr. 153.12 Sgr. uns einzusenden bitten.

 

Ergebenst   Poggenklas

 

 

Als die Wasserkraft des Hellbachs nicht mehr genügte, wurde eine Dampfmaschine angeschafft. Die in der Walkmühle eingesetzte Maschine diente der Verarbeitung, Verdichtung und Veredelung von Geweben. Sie ersetzte das Walken mit den Füßen, mit dem frisch gewebte Tücher durch Stoßen, Strecken und Pressen gereinigt und an der Oberfläche verfilzt wurden. Die Tücher wurden dadurch dichter und geschmeidiger. 1851 umfaßte der Betrieb zehn Stühle mit insgesamt 31 Arbeitern.  Kinderarbeit war in dieser Zeit angesagt, auch wenn gesetzliche Bestimmungen das einzudämmen versuchten. Bei Coppenrath wurden 1846  4 Kinder unter 14 Jahren und 5 über  14 Jahre beschäftigt. Knaben und Mädchen unter 14 Jahren machten einen erheblichen Prozentsatz der in der Textilindustrie Beschäftigten aus.

 

 

Aufnahmen der Walkmühle um 1910.

 

 

 

 

Kastenstempel Telgte auf gezähnter "Ein Groschen" Marke Norddeutscher Postbezirk

für den nördlichen Bezirk mit Talerwährung von 1869.

Rückseitig der Ausgabestempel Recklinghausen 19.12.

 

 

Leseabschrift:

 

Bitter& Sohn Telgte

Herrn Coppenrath & Co Bruch b. Recklinghausen

 

Telgte 21 Sept. 1871

 

Das offerierte Wollgarn ist doch gar zu fehlerhaft u. zu unver-

käuflich! wir sehen gar nicht davon abzukommen, da die

allg. allzudeutlichen Spuren der Kunstwolle darin wiederzufinden sind.

Wir ersuchen Sie daher uns das Rückständige Pottmel. u. braun mel.

sobald möglich abfertigen u. zugehen zu lassen; mit

dem braunmel. eilen wir wohl am Meisten.

Nach Empfang des Garns werden wir unser Cto. sofort regu-

lieren.

Ergebenst

F.S. Bitter & Sohn

 

Knochenmehlfabrikation

 

Vordruck-Firmenpostkarte mit 5 Pfennig Freimarke "Ziffer" Ausgabe von 1880,

Portostufe für Postkarten im Fernverkehr, entwertet mit einem ovalen Bahnpoststempel

der Strecke "Leipzig-Saalfeld" vom 29.6.87. Rückseitig als Ausgabestempel

beigesetzt Einkreisstempel Recklinghausen vom 30.6.87.

 

Leseabschrift handschriftliche Vermerke:

 

Auf  mandat Ruhrort fest sonst freihin vorbehalten.

Stickstoff ist steigend.

Gegen Amoniak haben Sie hierbei große Ersparnis.

 

Obwohl der mechanische Webstuhl lange schon erfunden war, fand er kaum Eingang in die Betriebe in Recklinghausen. Bei 29 Handwebstühlen gab es nur einen mechanischen. Die hausgewerbliche Weberei siechte dahin. Allein Coppenrath konnte sich ein wenig länger  halten. Ab 1864 versuchte sich die Firma so nebenbei in der Herstellung von Drahtnägeln. 1878 produzierte man dann Knochenmehl. Vertreter der Firma Coppenrath & Co zu dieser Zeit ist ein Gustav Schürmann. 1895 wurde das Werk in eine Kornmühle umgeändert. Die handwerkliche Weberei war mittlerweile der Maschine erlegen. Der Besitz ging dann 1913 in städtische Hand über und wurde für Wohnzwecke hergerichtet. 1924 war es eine zeitlang als Kinderheim genutzt.

 

Reminiszenzen an die Walkmühle Coppenrath&Co und an den Wirtschaftsbetrieb "Post" sind die erhalten gebliebenen Belege als Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte unserer Stadt.

 

 

 

Quellen

 

Geschichte der Stadt Recklinghausen Dr. Alfred Dorider

Von Bruch zur Südstadt Dr. Norbert Schüpp

Eigenbelege/Leseabschriften Slg. Mainczyk

Postalische Heimatgeschichte Recklinghausen