O T T O    B R A U N

 

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Zeitschrift aus dem Dietz-Verlag 1925

 

 

In den Zeilen steckt eine Menge Hochachtung für den sozialdemokratischen Politiker Otto Braun

 

 

Otto Braun wurde am 28. Januar 1872 in Königsberg in Ostpreußen geboren. Er wuchs mit sieben Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf. Als Volksschüler mußte Braun drei Jahre in der letzten Klasse einer nicht vollklassigen Schule verbringen. Er studierte als Steindruckerlehrling mit siebzehn Jahren heimlich Grillenbergs „Arbeiterchronik“ und ließ sich in die verbotene Sozialdemokratie aufnehmen. Hugo Haase und Ludwig Quessel führten ihn im Leseklub „Kant“ in den modernen Sozialismus ein.  Nach altem Brauch ging er als Geselle auf  Wanderschaft. Otto Braun war nach der Reichstagswahl 1893 Herausgeber der Wahlzeitung „Volkstribüne“, aus der später die „Königsberger Volkszeitung“ hervorging. 1900 wurde er Geschäftsführer der Ortskrankenkasse. Es gelang ihm, 35 verschiedene Betriebs- und Berufskrankenkassen musterhaft zu vereinen. Auch brachte er das Genossenschaftsleben voran.

 

 

 

Berlin und seine besonderen Postämter, hier Poststempel des Abgeordnetenhauses

(Preußischer Landtag) von 1916 auf portofreiem Brief nach Schlottendorf in Kurland (heute Lettland).

 

 

  

Prägesiegel „Haus der Abgeordneten“

auf Abgeordnetenbriefumschlägen

 

 

Sein Name stand in allen Zeitungen, als im Juli 1904 der Königsberger Prozeß „wegen Geheimbündelei und Hochverrat gegen Rußland und wegen Zarenbeleidigung“ begann. Ein russischer Spitzel und Spion hatte bei einem Sozialdemokraten Flugblätter entdeckt, wie sie von russischen Revolutionären ins Zarenreich verbracht wurden. Otto Braun, einer der deutschen Helfer, wurde trotz einer gefährlichen Blinddarmentzündung zehn Wochen lang in Untersuchungshaft genommen. Die Gerichtsverhandlung dann aber enthüllte ein abstoßendes Bild der zaristischen Gewaltherrschaft mit ihren Auspeitschungen, Judenpogromen und Massenhinrichtungen. Braun wurde freigesprochen.  Mit  20 Jahren allerdings mußte er einmal zwei Monate ins Gefängnis, weil er ein böses Wort Kaiser Wilhelms II. mit den Worten kommentiert hatte: “Wer einem Sohn zumutet, auf die eigenen Eltern zu schießen, muß ein roher Patron sein.“ Braun war einer der ersten Sozialdemokraten, der sich der Landarbeiter annahm und der half, den Deutschen Landarbeiterverband zu schaffen. 1902 begann seine zehnjährige Kommunaltätigkeit als Königsberger Stadtverordneter. 1905 wählte ihn ein Parteitag in die Kontrollkommission der SPD. Haase empfahl ihn 1911 für den Posten des Hauptkassierers der Partei. Braun siedelte nach Berlin über und wurde 1913 als einer der ersten Sozialdemokraten in das Dreiklassen - Abgeordnetenhaus Preußens gewählt. In der Zehn –Köpfe - Fraktion bearbeitete er vor allem Landwirtschaftsfragen. In seiner ersten Rede forderte er Moor- und Ödlandkultivierung und Landarbeiterwohnungen. Dem Abgeordnetenhaus gehörte er bis 1918 an. 1918 bis 1921 war Braun preußischer Landwirtschaftsminister und 1920 Mitglied des Reichstages. Otto Braun war einer der erfolgreichsten Politiker der SPD während der Weimarer Republik. Nach dem Kapp - Putsch (1920) wurde er an der Spitze wechselnder Koalitionen (meist mit DDP und Zentrum) für zwölf Jahre preußischer Ministerpräsident.  In dieser Zeit war Preußen mit einer stabilen Mehrheit die zuverlässigste Stütze der Demokratie. Dabei gelang es ihm, eine republiktreue Staatsverwaltung aufzubauen und das Schulwesen zu reformieren.

 

 

 

Abgeordnetenhaus Berlin

 

Erbaut 1892 von Friedrich Schulze im Stil italienischer Hochrenaissance;

1899 – 1934 Sitz des Preußischen Landtags.

 

 

 Otto Braun auf seinem Platz im Preußischen Landtag

 

 

Ein Versuch des Stahlhelms, durch einen Volksentscheid, den die Kommunisten unterstützen, die Regierung Braun 1931 zu stürzen, mißlang. 1932 mußte Otto Braun weiteramtieren, obwohl er auf Grund des Verlustes der Regierungsmehrheit zurücktreten wollte, weil NSDAP, Deutschnationale und KPD nicht imstande waren, eine Regierung zu bilden. Seine Absetzung durch Franz von Papen 1932 auf Grund des berüchtigten Notstandsparagraphen 48 der Reichsverfassung bedeutete eine entscheidende Schwächung der ersten deutschen Republik. Otto Braun beugte sich der Gewalt. Seine Klage vor dem Reichsverfassungsgericht konnte die eingetretene Lage nicht ändern.  Bei der Wahl nach dem Reichstagsbrand ließen die Nazis im Rundfunk mitteilen, daß Otto Braun die Grenze überschritten habe. Tatsächlich hatte er nach seiner Stimmabgabe seine gelähmte Frau in Ascona aufgesucht. Braun blieb im Exil, schrieb seine Erinnerungen (1940: „Von Weimar zu Hitler“) und arbeitete Vorschläge für den Wiederaufbau Deutschlands aus, die von den Siegern nicht beachtet wurden. Nach 1945 war er mehrere Male Gast auf sozialdemokratischen Parteitagen.

 

1948 trieb ihn ein rheumatisches Leiden von Düsseldorf, wo er sich niederlassen wollte, wieder nach Ascona zurück. Er litt an Heimweh nach seiner ostpreußischen Heimat. Bis zuletzt war er stolz darauf, Sozialdemokrat, Preuße und Deutscher zu sein. Otto Braun starb im Alter von 83 Jahren am 15. Dezember 1955, ohne Angehörige zu hinterlassen. Im 1. Weltkrieg verlor er seinen einzigen Sohn, einen Arzt. Seine Tochter verunglückte tödlich. Sein letzter Wille bestimmte, daß seine Asche in den Lago Maggiore gestreut würde.  

 

 

Quellen

 

Biographisches Lexikon des Sozialismus

Fotos Info Abgeordnetenhaus

Postalische Belege/Frauenwelt Eigenmaterial