Ahsen

Preußischer Nummernstempel 8

 

 

 

Freimarke Kopfbild Friedrich Wilhelm IV.

(1795-1861)

 

 

Preußische Briefe "Frei ins Haus" kosteten Bestellgeld

 

Das Vest bzw. der Landkreis Recklinghausen wurden vom Wiener Kongreß 1816  Preußen zugewiesen. Während Recklinghausen schon in Bergischer Zeit zum 1. Januar 1809 eine Postexpedition bekam, mußte der im Gegensatz zu Recklinghausen recht kleine Ort Ahsen an der Lippe darauf lange warten. Postalisch ist der Ort Ahsen in preußischer Zeit zwar nur kurz, aber nachhaltig, in Erscheinung getreten. Auf Intervention des auf Haus Vogelsang bei Ahsen  (ca. 1km vom Ortskern entfernt)  residierenden Adels richtete die Postverwaltung Preußens zum 12. September 1838  in Ahsen eine Posthalterei ein.

 

Eine Posthalterei war meist mit einem Gasthaus identisch und für eine Erfrischung oder auch Übernachtung der Fahrgäste und Postillione der Fahr- bzw. Reitpost eingerichtet. Es war die kleinste postalische Einheit, die Preußen anzubieten hatte. Dessen ungeachtet erfüllte diese Posthalterei aber für den ansässigen Adel eine standesgemäße Postzustellung.

 

Zunächst war die Posthalterei Ahsen dem Postamt Dorsten, ab dem 1. Juli 1847 dann dem Postamt Dortmund unterstellt. 1850 wurde Ahsen zur Postexpedition (Bezeichnung für meist nebenberuflich verwaltete kleinere Postablagen) aufgewertet und gehörte zur Oberpostdirektion (OPD) Münster. Ab diesem Zeitpunkt  beginnt die eigentlich interessanteste Zeitspanne des Postortes Ahsen, wobei sich alles um den der Postexpedition  Ahsen zugeteilten preußischen Vierring-Nummernstempel  „8“ dreht.

 

 

 

Einzig bekannter Brief (Ausschnitt)

mit dem preußischen Nummernstempel 8 von Ahsen

 

 

 

Die Einführung des preußischen Nummernstempels fällt mit der der Preußen-Briefmarken zusammen. Am 15. November 1850 kamen die ersten preußischen Freimarken zur Ausgabe, und in der „Instruktion wegen Einführung von Marken zum Frankiren der Briefe“ des Ministers für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, von der Heydt vom 30. Oktober 1850 ist unter Absatz VI „Entwertungsstempel“  (Amtsblatt des Königlichen Post-Departements, Jahrgang 1850, Blatt 44 Nr. 238) auch die erste größere Verfügung, Poststempel betreffend, abgedruckt, welche hier im Auszug folgen soll:

 

VI  Entwerthungsstempel

 

„Damit einmal verwendete Marken nicht wiederholt benutzt werden können, müssen dieselben vor dem Absenden der Briefe als bereits gebraucht erkennbar gemacht (entwerthet)  werden. Zur Entwerthung sollen besondere Stempel in Anwendung kommen... Diese Stempel geben einen Abdruck von vier konzentrischen Ringen wieder und tragen in der Mitte die Zahl, unter welcher die betreffende  Postanstalt in dem alphabetischen Post-Anstalten-Verzeichnis erscheint“... Der kleine Postort Ahsen war der achte Ort in dem Verzeichnis und bekam somit bei der ersten Verteilung den Vierringstempel mit der Nummer  „8“ . Damit kommen wir zum abgebildeten, heimatgeschichtlich interessanten Brief und unterziehen diesen Beleg einer näheren Betrachtung.

 

Wie aus dem Inhalt des Briefes  hervorgeht, hatte der Pächter Friedrich Seifer in Clostern (heute Datteln-Klostern), Probleme mit der Zehntablösung. In dieser Angelegenheit schrieb er die auf den 8. September 1853  datierten Zeilen an die Arenbergische Domainen Rentei in Recklinghausen. Zur Aufgabe und Beförderung des Briefes benutzte er die Postexpedition Ahsen. Frankiert wurde der Brief mit der Ein-Silbergroschen-Marke (12 Pfennig), Kopfausgabe König Friedrich-Wilhelm IV.  (1795-1865) schwarz auf rosa, Ausgabe vom 15. November 1850. Das war die damalige Postgebühr für Briefe unter einem Loth (ca. 16g) Gewicht bis zu einer Strecke von 10 preußischen Meilen (1 Meile ca. 7,5 km). Daneben klebt die Freimarke zu  sechs Pfennig (½ Silbergroschen/Sgr.) rotorange als Ortsbestellgeld. Eine nicht oft anzutreffende Frankatur.

 

Üblich war damals die Selbstabholung von Briefen u.a. Postsachen beim Postamt. Damit aber das Stundungsgesuch des Pächters Friedrich Seifer den „Domainen Rentmeister Schürmann“ auch pünktlich erreichte und dieser nicht noch durch eventuelle Nachportoerhebung verstimmt wurde, vermerkte der Absender auf der Briefvorderseite „frei ins Haus“ und bezahlte im voraus das Bestellgeld. Entwertet wurden beide Marken mit dem preußischen Vierringnummernstempel „8“. Beigesetzt ist der nicht minder seltene Ortstempel Ahsen, der bisher nur auf zwei Briefen belegt ist. Auf der Rückseite ist der Ausgabestempel des Postamtes Recklinghausen vom 3. Bestellgang abgeschlagen. Im Zusammenhang mit dem Aufgabestempel sollte dieser spezielle Ausgabestempel dem Empfänger die ordnungsgemäße Beförderung des Poststückes belegen.

 

 

 

  

 

 

 

 

Der Inhalt des Briefes von 1853 lautet:

 

Euer Wohlgeboren!

 

Auf Ihr wertes Schreiben vom 29. vorigen Monats, welches

mir gestern behändigt wurde, erwidere ich höflichst,

daß ich Ihnen den Rest der Zehnt - Ablösung

von der Judenbuche und Mertenskämper jedenfalls

gegen Mitte Oktober d. J. und wenn die Gelder

einkommen, noch früher entrichten werde, und bitte ich

mit der Klage bis dahin zu warten.

 

Mit besonderer Hochachtung unterzeichnet Ihr

 

Friedrich Seifer

 

 

 

 

 

 

Nun war die preußische Post nicht nur sparsam, sondern auch sehr auf Gewinn bedacht. So war es nicht verwunderlich, daß die Geschichte der Postexpedition Ahsen wegen zu geringen Postaufkommens nur bis zum 30. November 1853 dauerte. Der Nummernstempel  „8“  von Ahsen aber wanderte noch zu zwei anderen Postämtern aus dem gleichen Grund. Dieser Stempel, insbesondere auf Brief, zählt zu den Raritäten einer Preußensammlung. Aufgrund des geringen Postaufkommens ist dieser Brief das einzig bekannte Stück mit dem Nummernstempel „8“. Er hat nach langen Jahren der Wanderung wieder zurückgefunden zu seinem ursprünglichen Bestimmungsort und stellt ein besonderes Kleinod dar in der Sammlung „Postalische Heimatgeschichte Recklinghausen“.

 

Nach Schließung der Post in Ahsen am 30. November 1853 wanderte der Stempel nach Czychen/Ostpreußen (1938-1945 Bolken) und wurde dort vom 1. Juni 1854 - 31. August 1854 verwendet. Abschließend kam der Stempel zum 1. Juni 1855 in  Lupow/Pommern zum Einsatz.

 

 

1844 Brief Ahsen - Lünen

 

Beigesetzt der zweite bekannte Abschlag des Zweikreisstempels von Ahsen

auf einem Wendebrief  von Horneburg nach Dorsten 1843.

 

 

 

 

Quellen Ahsen:

Adolf Dorider: Das Vest Recklinghausen 1948

Vest Recklinghausen – Postalische Heimatgeschichte 1998

Örtliche heimatgeschichtliche Veröffentlichungen

Originalbeleg ex. Slg. Dr. Berkowitz/John R. Boker

Postgeschichte in Westfalen

Div. Artikel der Postgeschichtsblätter Fleitmann

F.W. Thalmann: Preußische Poststempel u.a.

Leseabschriften: Dr. Werner Burghardt

Bilder: Eigenmaterial